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Düsseldorf
Eine flog über das Kuckucksnest

Düsseldorf. Das Irrenhaus als Versuchslabor, dem keiner entkommt: Immo Karaman inszeniert Prokofieffs "Der feurige Engel" im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein. Feurig war auch der Applaus. Von Wolfram Goertz

Die größte Verführerin der Fantasie ist die verschlossene Tür. Was dahinter passiert, welche Geheimnisse lauern - von diesen Fragen lebt die Vorstellungskraft. Besonders animiert sie die Klosterpforte. Trennt sie nur den irdischen Sündenfall vom Einklang mit Gott, oder geht unter Klosterbrüdern und -frauen der Melissengeist oder sogar der Teufel um? Schaut man in die Kulturgeschichte bis hin zum "Namen der Rose" (Roman), "Sister Act" (Film) und "Um Himmels Willen" (ARD), so kommt die klösterliche Abgeschiedenheit in den schillerndsten Erscheinungen daher. Wo niemand Genaues weiß, stellen viele sich alles Mögliche vor.

Die Deutsche Oper am Rhein hat sich auffällig oft um Nonnen gekümmert, und zwar stets bei Komponisten, deren Nachname mit einem P beginnt. Sie hat "Die Teufel von Loudon" (Penderecki), "Die Gespräche der Karmeliterinnen" (Poulenc) und "Schwester Angelica" (Puccini) aufgeführt, jetzt weitet sie ihren Kompetenzstatus um Prokofieffs "Feurigen Engel" aus. Abermals rücken frivole oder obsessive Gedanken in der Klausur nach vorn.

Der Komponist hatte 1923 in der Nähe von Kloster Ettal geheiratet und Oberammergau erlebt. Das war ihm Anschauung genug für eine thrillernde Geschichte, in der sich eine erwachsene Frau nach einem imaginären feurigen und überaus erotischen Engel ihrer Kindheit zurücksehnt. Mit dieser Leidenschaft belastet Renata ihre seltsame Beziehung zu einem gewissen Ruprecht. Am Ende infiziert Renata ein ganzes Frauenkloster mit ihren Wahnvorstellungen und ihrer Zügellosigkeit. Gegen solche Ketzerei verordnet ihr der Inquisitor ein Reinigungsmittel: den Scheiterhaufen.

Die Düsseldorfer Opernfreunde werden dieses Werk nicht unbedingt in ihre Bestenliste aufnehmen, aber als Akt der Bewusstseinserweiterung taugt die Produktion ideal. Wir erleben vibrierendes Musiktheater und die Spiegeltechniken eines Komponisten, der im stalinistischen Russland mit religiösen Themen defensiv operieren musste. Zu seinen Lebzeiten wurde "Der feurige Engel" trotzdem nicht daheim aufgeführt. Zu dekadent, befand der Inquisitor Stalin.

Immo Karaman inszeniert die Oper als Ausflug in die Geschichte der Psychiatrie, die jede Renata mit Radikalkuren behandelte; bisweilen wähnt man sich im Film "Einer flog über das Kuckucksnest", dieser legendären Kritik an der geschlossenen Anstalt (dem "Kuckucksnest") und ihren absurden neurochirurgischen Feldversuchen. Wenn Karaman den drastischen Horror will, machen die feurigen Dämonen höchst symbolistisch ihre Geräusche: Die Mauern beben, die Decken knarren, Schwefeldampf dringt durchs Fenster. Gelegentlich donnert die Stahltür der Nervenheilstätte herunter, die hier von Nonnen geleitet wird, und Ruprecht muss sich von draußen das Geschrei der Kranken anhören.

Renata sehnt sich auch deshalb nach dem roten Züngeln des Feuers, weil ihre Umgebung so grau ist: grau die stürzenden Wände mit den blinden Fenstern, grau die Kutten in der Heilanstalt (Ausstattung: Aída Leonor Guardia und Fabian Posca), grau die Aussicht, den feurigen Engel nie mehr zu umfangen. Ruprecht dagegen erscheint vom ersten Akt an als verliebter Psychiater, der die Patientin mit der interessanten schizophrenen Psychose außerhalb der grauen Mauern therapieren und außerdem zur Frau nehmen will. Leider ist die Ich-Störung der Dame hartnäckiger als gedacht. Das macht Ruprecht verrückt. Am Ende zentrifugiert der Regisseur die Story so genial, dass der Psychiater selbst zum Patienten und die Kranke zu seiner Stationsschwester wird.

Svetlana Sozdateleva ist nicht nur ein wunderbarer Sopran, der zwischen Himmel und Hölle sämtliche Register zu ziehen weiß, sie zeigt uns auch die Verbissenheit der Renata beeindruckend. Boris Statsenko singt und spielt den Ruprecht, diesen ewigen Zweiten, mit der Wucht eines Mannes, der bedingungslos liebt und tragisch unerhört bleibt. Das Ensemble leistet Großartiges, und wenn die Oper auch arm an Ensembleszenen ist, so mischt das immerzu zischende, röhrende, bleckende Orchester Prokofieffs wütende und winselnde Klangfarben in den Abend. Die exzellenten Düsseldorfer Symphoniker unter Wen-Pin Chien treiben das Innerste der Figuren nach außen und umhüllen sie mit giftiger Aura. Feurig auch der Applaus.

Quelle: RP
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