Roger Willemsen im Interview: Eine Reise bis ans andere Ende der Welt
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 19.09.2010 - 10:52Düsseldorf (RP). Er war auf fünf Kontinenten unterwegs – auf der Suche nach Menschen und Natur. Das macht neugierig. Und so wollten wir wissen: Wie war's auf Reisen? Ein Gespräch mit Roger Willemsen, der seinen Reisebericht als Buch veröffentlicht hat.
Sie sind zu langen, weiten Reisen aufgebrochen – aus welcher Stimmung heraus geschah das?
Roger Willemsen: Da wirken zwei Kräfte: Die Schubkraft, die einem sagt, raus aus dem Vertrauten, aus der Konvention, und der Sog der Ferne, der einem verspricht, du wirst ein anderer, du wirst dich entfalten. Sagt man nicht, man bereist immer auch sich selbst?
Wie hießen die äußeren Ziele?
Willemsen: Sie hießen Nordpol, Patagonien, Kap der Guten Hoffnung, Himalaya, Timbuktu, Ostsibirien, Polynesien, aber auch Orvieto, Gibraltar, Nord-Island und, jetzt kommt's: Eifel.
Jetzt erzählen Sie mir nicht, die Eifel ist für Sie der Po der Welt?
Willemsen: Wie könnte ich das sagen, ich bin dort aufgewachsen! Aber einmal hatte ich dort das Gefühl, ich sei auf der Rückseite einer Landschaft angekommen. Sie sagte: Dreh um.
Was war der Antrieb für einen wie Sie: Fernweh – Erschöpfung – oder nur Neugierde?
Willemsen: All das und etwas anderes: ein Hunger nach leeren Landschaften, nach Gegenden, in denen die Natur nicht in der Defensive ist, nach Einsiedlern, wunderlichen Käuzen...
Und? Haben Sie sie gefunden, die leeren Landschaften, und haben Sie die Dramen erlebt?
Willemsen: Und ob! Ich denke an den 103-jährigen nepalesischen Asketen, der seine Haare sein Hobby nannte, an die chilenische Witwe, die vier Stunden reiten musste, um Zigaretten zu holen, an den Sterbenden in einem Krankenhaus in Minsk, an die vom Vulkanausbruch zerstörte Stadt, in der nur noch Pferde über die Boulevards flanierten. Einmal hat eine Frau zu mir gesagt: Wissen Sie, in diesen Gegenden entwickeln sich die Geschichten gerne dramatisch. So war es.
Hatten Sie eigentlich schweres Gepäck dabei?
Willemsen: Kein Beautycase, so viel ist sicher.
Was kam in den Koffer, oder war es ein Rucksack?
Willemsen: Meist war es ein Koffer mit leichter Kleidung, Reclamheften, manchmal mit ein paar Fotos der Lieben. Zurück brachte ich dann Vanille aus Tonga, Safran aus Nepal, ein paar struppige Socken aus Patagonien, ein Opiumgewicht aus Birma, solche Sachen.
Waren diese Reisen in Wahrheit Expeditionen?
Willemsen: Manchmal schon. Zum Nordpol gelangte ich an Bord eines russischen Eisbrechers, in Kamtschatka und Südchile hatte ich Guides, ohne die es nicht gegangen wäre, im Dschungel Borneos begleitete mich ein 22-jähriger indonesischer Blutegelforscher, und zu einem aussterbenden Volk im Himalaya gelangte ich an der Seite von CARE-Mitarbeitern.
Waren es Alleingänge – oder reisten Sie mit Begleiter?
Willemsen: Eigentlich reise ich fast immer allein los, aber man bleibt nicht lange allein, und findet sich plötzlich an der Seite von birmesischen Goldwäschern, einem tongaischen Rugbyspieler oder einer Kriminalautorin aus Australien.
Sie bewegten sich nicht rein geografisch fort, sondern auch Ihre Seele ging auf Reisen?
Willemsen: Sie kann nicht anders und kommt manchmal kaum mit. Doch jeder Ort konfrontiert Sie auch mit dem Konjunktiv: Wer wäre ich hier? Wie würde ich leben? Was wäre mir wichtig?
War der Weg steinig?
Willemsen: Sie meinen im Sinne von Xavier Naidoo? Nein, aber ich weiß nicht, ob ich alle Strapazen heute wieder schultern würde. Man muss ja Kopf und Körper gleichzeitig motivieren. Manchmal könnte der Körper vielleicht noch, aber der Kopf sagt: Lass mich bloß in Ruhe mit diesem Vulkan-Aufstieg.
Wie viele Grenzen waren zu überwinden?
Willemsen: Ekelgrenzen beim Verzehr eines Hundes, Schamgrenzen beim Bordellbesuch in Bombay, Geschmacksgrenzen beim Betrachten eines indonesischen Bestattungsrituals, und manchmal bin ich Gefahren begegnet, die ich heute meiden würde: dem Krieg im Kongo zum Beispiel.
War am Ende die Natur noch beeindruckender als die Menschen, die Sie fanden?
Willemsen: Wo die Natur sehr beeindruckend ist, da sind es die Menschen oft nicht minder. Ihr Überleben, ihr Realismus, ihre Verantwortung für den Erhalt ihres Lebensraums und die Menschen, die mit ihnen leben, sind oft ergreifend.
Sie sind nicht nur weit an Kilometern gereist, sondern auch in die Tiefe gegangen....
Willemsen: ...wenn ich mit afghanischen Stammesältesten über das rechte Leben sprach oder mit einem Erleuchteten in Kathmandu über den Verbleib der Seele oder mit einem birmesischen Wahrsager über meine Zukunft...
Was hat er gesagt?
Willemsen: "Sie müssen besser kauen!"
Und? Beherzigen Sie seine Empfehlung jetzt?
Willemsen: Ich mümmele wie neu.
Gab es Ernüchterungen? Und welche Erkenntnisse hätten Sie sich vorher nicht ausmalen können?
Willemsen: Der Zerstörung der Welt begegnet man überall. Am Nordpol war die Eisdecke löchrig, und die Eisbären, die es dort eigentlich nicht geben sollte, sprangen von Scholle zu Scholle. In Patagonien, einem der letzten reinen Naturreservate der Welt, gefährden riesige Staudamm-Projekte das gesamte Ökosystem. In Borneo schwelten zu beiden Seiten des Weges die Brandrodungen der großen Holzindustrien.
Werden Sie wieder hinfahren?
Willemsen: Es gibt Orte, an die ich nicht zurückkehren möchte aus Angst, sie nicht im Entferntesten so wieder zu finden, wie ich sie verließ.
Gab es Verständigungsprobleme?
Willemsen: Dauernd, und viele schöne. Sie fragen in Borneo, wann das Schiff geht. Der Einheimische sagt, um vier und zeigt es mit der ganzen ausgestreckten Hand an. Also fünf, sagen Sie. Nein vier, sagt er und zeigt wieder die Finger einer Hand, und erst später erfahren Sie: Dort zählt der Daumen nicht als Finger.
Jetzt waren Sie so weit unterwegs, und ich würde so gerne wissen, ob Sie fündig geworden sind: Wo also liegen die Enden der Welt?
Willemsen: Genau da, wo zum Beispiel Ihre Zeitung erscheint und gelesen wird, liegt auch eines – von Tonga aus betrachtet. Weiter weg geht es nicht. Jedem sein eigenes Ende der Welt. Kaum betreten Sie es, wissen Sie: Es ist hier.
Das ist eine eher ernüchternde Bilanz: Gibt's nicht doch vielleicht eines alleine? Das sagt sich doch so schön seit hundert Jahren. Liebende Menschen wollen es sich weiter so schön sagen können: Ich würde Dir folgen bis ans Ende der Welt.
Willemsen: Wie reizend, aber vielleicht heißt das ja vor allem: Sag mir, wo Dein Ende ist, und ich will Dir folgen. Jetzt könnten eigentlich die Geigen einsetzen.
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