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Düsseldorf
"Elektra" als düsterer Thriller
Düsseldorf. Axel Kober dirigierte, Christof Nel inszenierte Richard Strauss' Oper im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein. Die weiblichen Hauptrollen waren mit Linda Watson und Renée Morloc prächtig besetzt. Die Düsseldorfer Symphoniker spielten wie in besten Tagen. Von Wolfram Goertz

Sie wohnen alle im selben Palast. Sie sitzen alle im selben Boot. Sie erleiden alle denselben Fluch.

Von den vielen schrecklichen Dynastien der Welt- und Literaturgeschichte sind die Atriden die ekligsten. Seit der mythische König Tantalus seinen eigenen Sohn Pelops im Kochtopf als Menü für gastierende Götter zubereitet hatte und dafür mit schlimmsten Qualen bestraft wurde, lastete über ihm und seinem Geschlecht die Last eines Fluches – dass jeder seinem Blutnächsten zum bitteren Feind würde. Väter ermorden ihre Söhne, Mütter verstoßen ihre Kinder, Väter schänden ihre Töchter, Söhne rächen ihre Väter, erwürgen ihre Mütter und erschlagen deren Liebhaber gleich mit.

Davon singt Richard Strauss' Oper "Elektra" in einem Rausch: Der Komponist schrieb 105 Minuten Musik ohne Pause, Punkt und Komma – und wer wissen will, welche Hitze diese Musik entwickelt; wie schneidend sie ihr Metall dem Hörer entgegenhält gleich einem frisch geschliffenen Beil; wie süß sie raspelt und wie giftig sie in Kelche spuckt – der sollte die neue "Elektra" der Rheinoper anschauen. Man hört: Das wird kein gutes Ende nehmen. Es nahm ein vortreffliches.

Die Düsseldorfer Symphoniker erledigten und erlegten diese monströs besetzte Partitur mit einer Leichtigkeit und Brillanz, die uns an beste Zeiten des Hauses erinnerte, da die Rheinoper die großen Sträusse und Wagners regelmäßig spielte. Herrlich die wie mit Curare bestrichenen Töne der Holzbläser, einschüchternd und drohend die dunkle, erhabene Wucht des Blechs, schimmernd und umarmend die Expressivität der Streicher. Ein wirklich ganz großer Orchesterabend!

Generalmusikdirektor Axel Kober war gleichwohl nicht zu beneiden. "Elektra" ist eine Orgie, am Ende lärmend wie die Hölle, und es hat schon große "Elektra"-Dirigenten gegeben, die ins Orchester riefen: "Überall, wo Forte steht, bitte maximal ein Piano!" Kober hat spürbar um Dezenz gerungen, und die meiste Zeit klappte das vorzüglich, nur manchmal fuhr einem der Sound um die Ohren, dass sie einem fast abfielen – wie abgeschnitten. Vielleicht resultiert dieser Eindruck aus Kobers Partiturverständnis: Er nahm die "Elektra" mitnichten schwer und heroisch, sondern leicht, wie einen schnell getakteten Thriller, mit kurzen Stößen, einem Staccato der Elektrizität. Das ergab eine bezwingende Energie musikalischen Erzählens. Was die Hölle betraf: Man musste sie aushalten.

Linda Watson überstrahlte sie mühelos. Die wunderbare Sängerin, seit vielen Jahren dem Haus innig verbunden, gab abermals eine Elektra, in die sie alle Rollenerfahrung, alle Hingabe und gottlob alle Routine goss. Mit einer fabelhaften Durchschlagskraft, die aber nichts Bulliges hatte, sondern stets in der Passform der Kunst steckte, zwang ihre Elektra alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. Nur manchmal zeigte etwa ihr Vibrato Spuren von Mitgenommenheit.

Renée Morloc als Klytämnestra besitzt gleichfalls eine frappierende Rollenerfahrung. Sie kann eine derart zarte, echt liebende Mütterlichkeit in die Kindsverhöhnung legen, dass diese Mehrdeutigkeit einen frösteln macht. Sie sang das mit herrlicher Orgel, die nicht waberte, sondern glühte. Ihr Alt changierte in so vielen Zwischentönen, dass man eine beträchtliche Dunkelziffer der Regungen spürte, die nur gefühlt, aber nicht gesungen wurden.

Gegen diese beiden großen Damen des Strauss-Gewerbes fiel Morenike Fadayomi als Chrysothemis ab. Diese Schwester müsste ein backfischhafter Gegenentwurf zu Elektra sein, nicht mit Kawuppdich, sondern mit lyrischer Ekstase über das Orchester tragend, gleichsam die Micaëla der Familie, auf andere Weise als Elektra rigoros in ihren weiblichen Primärgelüsten. Leider sprach Fadayomis Sopran in der Höhe schlecht an, sie musste forcieren. Das tat ihr kaum gut.

Hans-Peter König war ein Orest, wie er nicht im Buche steht. Diesem verlorenen Sohn der Familie Agamemnon steckt das finstere Timbre eines Hagen im Hals, ein Abgrund voller Töne – und umso schöner, dass dieser geborene Sängerunhold hier so warme Töne aus seiner Kehle entließ. Die Wiederbegegnungsszene mit Elektra war als Vermählung von Geschwistern auf dem Flor des Orchesters ein so elementarer, namen- und sprachloser Moment des Glücksschmerzes, dass er einem Tränen in die Augen trieb.

Die Inszenierung von Christof Nel hätte sich das Bühnenbild von Roland Aeschlimann vielleicht gern vom Hals geschafft, aber es ging nicht: ein quadratischer, abweisend grauer, innen entkernter Legoland-Bau, mit kleinen Fenstern fast wie Schießscharten, schrägen Zacken in der Fassade, aus der schon mal menschliche Körper wie geköpfte Leichen mit Zinkeimer auf dem Rumpf hingen – als Zeichen, wie sehr die Erinnerung das Bewusstsein von Mutter und Tochter beherrschte.

Dummerweise stand dieser Kubus auf der Drehbühne, was die Bewegungsintensität der Darsteller verkleinerte, sie mussten oft nach vorn treten, gleichsam in den lausigen Vorgarten dieses Palastes, der natürlich nicht nach Antike aussah, sondern nach dem Modell für einen innovativen Plattenbau in Berlin-Marzahn. Dass der Kubus am Ende, da einige Leichen den unheiligen Ort pflastern, in sich zusammenstürzt, als habe ihn die Faust des Mythos wie eine Abrissbirne getroffen, ist so erwartbar, dass man ein wenig konsterniert zurückbleibt.

Trotzdem großer Applaus.

Quelle: RP
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