| 08.43 Uhr

Integration durch Fußball
Elf Freunde könnt ihr sein

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße zu Besuch bei jugendlichen Flüchtlingen, deren Hoffnung der Fußball und deren Halt das Projekt "Spielmacher" ist. Von Lothar Schröder

An einen Kirchenbesuch kann er sich nur noch vage erinnern. Das muss daheim in Togo gewesen sein. Liegt aber schon schrecklich viele Jahre zurück. Was war das noch gleich? Konfirmation? Nee, das machen doch Protestanten, weiß sein Kumpel. Dann vielleicht die Firmung? Eher nicht. Könnte es denn die Heilige Kommunion gewesen sein, schlägt der Priester vor. Genau, ruft Olivier und freut sich wie ein Weltmeister. Dann nickt der 16-jährige Togolese dem Hamburger Erzbischof anerkennend zu. Ist eben doch ein Mann vom Fach.

Nicht nur das: Stefan Heße ist seit Januar Erzbischof von Hamburg. Das war nicht nur der beachtliche Aufstieg vom Generalvikar zum Bischof, es war auch der Wechsel aus dem katholischen Köln in die Diaspora der protestantisch geprägten Hansestadt. "Die Mehrheit der Hamburger ist schon heute nicht mehr Mitglied in einer christlichen Kirche. Da muss man dann schauen, wie tief die Wurzeln unseres Christentums sind und ob sie uns tragen. Ich habe den Eindruck, dass uns genau diese Frage mit der Flüchtlingsbewegung noch einmal viel stärker auf den Leib rückt", sagt der 59-Jährige. Und jetzt sitzt der Erzbischof im Freizeitzentrum Feuervogel von Hamburg-Harburg mit Jugendlichen überwiegend aus Afrika zusammen. Schon vor einigen Jahren sind die meisten hier angelandet; doch richtig Fuß fassen konnten nur wenige. Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch ist bei ihnen ein Ereignis, eine Lehrstelle die Sensation.

Beim "Spielmacher" aber sind sie die Großen, wenigstens für ein paar Stunden in der Woche. Das ist ein Fußball-Projekt der Jugendhilfe "In Via" im Caritasverband. Für die meisten ist das ein guter Zeitvertreib, für Menasse (17) ist es mehr. Leute vom HSV hätten ihn schon gescoutet. Dann erzählt er von Max Kruse, der die Spielmacher mal besucht und Tipps gegeben habe; und der einen Marktwert von zwölf Millionen Euro haben soll. Fast so unvorstellbar wie die Antworten des schwarz gekleideten Nachmittagsgastes: Ob er denn mit seiner Frau und seinen Kindern Weihnachten feiern werde? "Nein, ich habe gar keine." Kein einziges Kind? "Nicht ein einziges. Wir Priester dürfen keine Kinder haben."

Das mag verstehen, wer will, die jungen Fußballspieler mit einem Haufen nerviger Geschwister daheim jedenfalls nicht. "Aber meine Eltern kommen am Heiligen Abend aus Köln", sagt Heße. Und bekennt dann, wie schwierig es doch sein kann, in einer fremden Umgebung neue Kontakte zu knüpfen und Freunde zu finden. Das kennen die jungen Afrikaner ebenfalls, auch wenn es nun schon zu ihrer Vergangenheit gehört. "Wenn sie noch ein paar Freunde brauchen, fragen sie einfach mich", sagt Olivier.

Ein komisches Amt hat dieser Bischof, verraten die Gesichter der Jugendlichen. Ob man denn damit wenigstens ein bisschen Geld verdienen könne. "Ja, durchaus." Zustimmendes Nicken. "Ich lebe sogar ganz davon." Cool, heißt es.

Bevor Stefan Heße richtig im Norden ankommen konnte, ereilte ihn eine weitere Aufgabe – als Flüchtlings-Sonderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Kein Job, der sich in ein paar Monaten erledigen ließe. Die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen werde noch Jahre und Jahrzehnte dauern. "Darum kann es sein, dass aus dem aktuellen Sonderbeauftragten irgendwann nur noch ein Beauftragter wird", sagt Heße. Als er Mitte November den vielleicht gegenwärtigsten Dienst der Kirche hierzulande antrat, sprach er von den 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Und dass man all die Hilfe koordinieren und moderieren müsse. Die großen Zusammenhänge. Im Freizeitzentrum Feuervogel ist das Ausmaß der Flüchtlingsbewegung aber auf Lebensgröße geschrumpft und in Lebensschicksalen greifbar: junge Männer aus Afrika, Moslems und Christen, die ordentlich Deutsch sprechen und neue Flüchtlinge integrieren.

Im Grunde brauchen sie keinen Bischof, keinen priesterlichen Zuspruch. Dafür haben sie ja ihren Trainer. Als schwer erziehbare, harte Jungs wurden sie ihm angekündigt. Doch Michael Lorkowski (61), der mit seinem Piratenkopftuch selbst wie ein Outlaw vom Kiez erscheint, war härter. Folgsam stehen die Jungs um ihn herum und buhlen beim Trainingsspielchen um seine Gunst. Michael Lorkowski ist Hamburger, bodenständig, herzlich und unbestechlich. Er hat als Trainer viele Jahre im Profi-Fußball gearbeitet, ist nie ein ganz Großer gewesen, dafür aber eine Legende geworden: Ihm gelang das Unglaubliche, als Coach des damaligen Zweitligisten Hannover 96 den DFB-Pokal 1992 zu gewinnen.

Mit Lorkowski lernen die Jungen auch, Regeln zu lernen und dann einzuhalten. Das klappt oft gut – auf dem Platz. Wer nach Deutschland kommt, muss wissen, wie es hier zugeht, und muss sich daran halten, sagt auch Heße. Und stimmt Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Überzeugung zu: Wir schaffen das.

Auch das hat nach den Worten Heßes mit der Weihnachtsgeschichte zu tun. "Durch die Menschwerdung Jesu kennt Gott die Flucht vom eigenen Erleben her – verankert in der Flucht nach Ägypten."

Abschied und Händeschütteln im Foyer des Feuervogels – auch mit Olivier, der dem Erzbischof noch einmal schnell erläutert, dass er praktisch auf allen Positionen eingesetzt werden kann: "im Tor, vorne, hinten – und auf der Bank". Fast wie im richtigen Leben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Integration durch Fußball: Elf Freunde könnt ihr sein


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.