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Erziehung
Eltern sollten Leitwölfe sein

Wie verschaffen sich Eltern Autorität in der Familie? Vor zehn Jahren empfahl die Streitschrift "Lob der Disziplin", Kindern klare Grenzen zu setzen, und löste heftige Debatten aus. Familientherapeut Jesper Juul regt nun an, sich Wölfe zum Vorbild zu nehmen. Von Dorothee Krings

Ein bezwingendes Bild: Eine Wolfsfamilie streift durch den Wald, vorneweg die beiden Leittiere, die immer wieder stehen bleiben, wittern, lauschen, schnell geht ihr Atem. Bei Wölfen in freier Wildbahn sind es die Elterntiere, die mit wachen Sinnen den Weg weisen, Gefahren wittern, das Rudel zusammenhalten. Wer wäre nicht gern Teil eines solchen Verbundes - geborgen in einer Familie, die sich instinktsicher durch den Wald schlägt, Gefahren besteht, zusammenhält, weil jeder seine Rolle kennt.

Der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul wählt das Bild der Leitwölfe, um zu beschreiben, was Kinder brauchen: Eltern nämlich, die sich aufmerksam mit ihrem Nachwuchs durch eine immer kompliziertere Welt bewegen und dabei ihre Führungsrolle annehmen. Schließlich haben es Kinder mit einer Wirklichkeit zu tun, für die ihr Erfahrungsschatz noch nicht ausreicht. Sie wachsen in einer anstrengenden Zeit auf, in der starke, kompetente Individuen nach Selbstverwirklichung streben und um die Ressourcen dafür konkurrieren. Eine Welt, die in immer kürzeren Abständen überrollt wird von technologischen Neuerungen, die radikal verändern, wie Menschen miteinander umgehen. Kinder müssen heute nicht mehr nur auf dem Schulhof bestehen, sondern auch bei Facebook, sie werden ihren Weg nicht "irgendwie schon machen", auf sie wartet der globalisierte Arbeitsmarkt, und auf dem Weg dahin sind die Ablenkungen zahlreich. Darum ist Orientierung für Kinder so wichtig. Und darum ist das Thema Erziehung für die Eltern heute mit so vielen Ängsten besetzt.

Kinder brauchen Führung. Darüber sind sich die Experten einig, darüber, was das bedeutet, keineswegs: Zeigen Eltern, die ihre Führungsrolle ernst nehmen, wo es lang geht, oder helfen sie dem Nachwuchs, ihren Weg selbst zu finden? Sind sie Ermutiger oder Mahner, Ermöglicher oder Verbieter, die das Handy kassieren, wenn die Schulleistungen nachlassen? Sollen sie loben, strafen und wenn ja, wie oft?

Vor zehn Jahren sind diese Fragen schon einmal aufgebrochen. Damals schrieb der ehemalige Leiter des Internats Schloss Salem die Streitschrift "Lob der Disziplin". Darin führt Bernhard Bueb aus, wie wichtig es für Kinder ist, verlässliche Grenzen gesetzt zu bekommen und appelliert an Eltern, Konflikte auszutragen. Bueb löste damals eine heftige Debatte aus, weil er mit dem Willen zur Provokation auf Gehorsam pochte und alte Tugenden wie Ordnungssinn, Pünktlichkeit und Fleiß bemühte. Das traf einen Nerv, weil viele Eltern Erziehung nur mehr als Machtkampf erlebten, mit ihren Kindern um Selbstverständlichkeiten wie das Schuheschnüren rangen und anfingen, all die auf Freiheit, Empathie, Dialog gründenden Erziehungsmethoden der Nach-68er-Zeit zu hinterfragen. Da schien das Plädoyer für Disziplin wie ein Ausweg für Erziehende, die endlose "Ich hab keine Lust"-Debatten satt hatten. Doch es gab auch harsche Kritik an Buebs Durchgreif-Pädagogik, Gegenschriften erschienen.

Zehn Jahre später ist Führung in der Familie immer noch ein Thema. Und so widmet der für seine Gelassenheit geschätzte Familientherapeut Jesper Juul sein neues Buch "Leitwölfe sein" Fragen der natürlichen Autorität und ermuntert Eltern, sich nicht zu verstellen, auch Verletzlichkeit oder Ratlosigkeit zuzugeben, Entscheidungen aber klar und entschieden zu vertreten. Das wirkt wie die große Synthese nach zehn Jahren Debatte zum Thema, denn Juul rät zum ständigen, manchmal anstrengenden Dialog mit dem Kind und warnt davor, durch hartes Grenzensetzen die Grenzen der Kinder zu übergehen. Doch genau wie Bueb rät er zu Klarheit, Konsequenz und dem Recht der Eltern, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Allein die Tatsache, dass man Kinder nach ihrem Willen frage, bedeute noch nicht, dass man dem auch entsprechen müsse. Nur sollten Eltern ihr Abwägen vermitteln.

Führerschaft hat für Juul nichst mit Macht, aber viel mit Glaubwürdigkeit zu tun und die beruhe auf einem Ja zu sich selbst. Gerade gut gebildete Eltern hätten aber oft Schwierigkeiten, Unsicherheiten zuzugeben - gerade vor dem Kind - und retteten sich in Rollenspiele. Sie sprächen etwa in einer künstlich höheren Stimme oder nennen sich selbst "die Mama" und "der Papa" als seien sie Figuren in einer Inszenierung. Sie versuchten also sich zu verhalten, wie sie sich ideale Eltern vorstellen und würden gerade dadurch unglaubwürdig. Hapert es aber an natürlicher Autorität, geraten Eltern schnell in einen Erziehungsstil der mit Drohen und Belohnen arbeitet und alle Seiten erschöpft.

Authentizität - das bezeichnet auch Bueb zehn Jahre nach all den Debatten über Disziplin und Disziplinierung als wichtigstes Mittel gegen Machtkämpfe in der Familie. "Ehrlichkeit im Umgang miteinander ist entscheiden: Sei ehrlich zu Dir und ehrlich zu anderen, dann herrscht Klarheit - und ein Kind kann seinen Eltern vertrauen", sagt Bueb. Natürlich bedeute das auch, zu dem zu stehen, was im eigenen Leben nicht gelungen ist. Das sei heute besonders schwierig, weil wir in einer Zeit der ständigen Vergleiche lebten. "In den sozialen Netzwerken können Menschen die Zahl ihrer angeblichen Freunde vergleichen, die Konkurrenz um Beliebtheit ist allgegenwärtig", sagt Bueb, "der gebildete Mensch schöpft sein Selbstwertgefühl aber aus sich selbst, er braucht die Bestätigung von außen nicht." Diese innere Unabhängigkeit müssten Eltern vorleben, nicht predigen: "Indem sie zum Beispiel Entscheidungen treffen, nicht weil sie gefällig sind und beliebt machen, sondern weil sie dahinter stehen."

Juul glaubt, dass sich in der Erziehung zu viel um die Ambitionen der Eltern drehe. "Es ist ein ernsthaftes Problem, dass Eltern heute versuchen, die Techniken der Lehrer zu übernehmen", schreibt er. Kinder gerieten dadurch sogar in ihrer Freizeit unter Druck und hätten das Gefühl, so wie sie gerade sind, noch nicht okay zu sein.

Statt an der Karriere der Kinder zu arbeiten, fordert Jesper Juul von Eltern, sich aufrichtig für die Persönlichkeit ihres Kindes zu interessieren, bei Konflikten nach dessen Motiven und Willen zu fragen und souverän zu entscheiden. Es geht also um eine neue Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit im Umgang. Manchmal ist Führung nur das.

Quelle: RP
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