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Deutsche Grammophon
Es muss nicht immer Stereo sein

Nostalgie im Würfelformat: An ihre große Zeit mit Mono-Aufnahmen erinnert die Deutsche Grammophon. Sie bietet eine Box mit 51 Schallplatten aus den Jahren 1948 bis 1957. Der Hörer begegnet Interpreten wie Kempff, Haskil, Fischer-Dieskau und anderen. Von Wolfram Goertz

Die Vorsilbe Mono mündet stets in eine gewisse Abwechslungsarmut, die man lieben oder ablehnen darf - denken wir nur an Monologe und Monokulturen, an Monotonie und Monogamie. Monopoly gilt für manche als Kampfsport von Spekulanten und Heuschrecken; Monolithen verstellen den Blick und sind völlig unbeweglich; vor Monomanen bringt man sich am besten in Sicherheit. Die Monophonie dagegen ist längst überwunden - Stereo lautet das Zauberwort spätestens seit den 60er Jahren. Stereo ist der Klang des Raums und nichts anderes als die natürliche Antwort der High Fidelity auf unser eigenes Gehörempfinden. Alles, was davor war und von Schellack- und Ein-Kanal-Aufnahmen aus Trichtern kam, gilt als karg, veraltet, rumpelnd und eindimensional.

Könnte es sein, dass wir das Opfer unserer Erfahrung und unseres Hör-Komforts geworden sind? Früher nahm kein Zeitungsleser Anstoß an Fotos in Schwarzweiß; früher benötigte man unbemeckert neun Stunden für eine Zugfahrt nach München; und früher hörte man eben restlos begeistert, wie Dirigent Karl Böhm die 2. Symphonie von Johannes Brahms am 17. Dezember 1956 mit einem Orchester aufführte, das kollektiv hinter einem einzigen Mikrofon zu sitzen schien. Die Qualität der Beschallung, gern auch aus dem Dampfradio, war jedem egal, denn es waren die Berliner Philharmoniker, und die gewährten den gebannten Hörern ungekannten Luxus - in Mono. Damals war man hungrig, nicht übersättigt.

Freaks, die auf die Verfeinerungsnuancen der Moderne stehen und sich Hifi-Anlagen im Wert von 100.000 Euro leisten, werden mit Mono-Aufnahmen wenig bis nichts anfangen können. Dabei wäre auch für sie das Experiment lohnend, dem sich jetzt jeder Normalhörer bei einer großartigen Box der Deutschen Grammophon unterziehen kann. Die berühmte Plattenfirma mit dem Gelbetikett hat eine erhebliche Zahl ihrer legendären Mono-Aufnahmen aus den Jahren 1948 bis 1957 in einen praktischen Würfel mit 51 CDs gepackt, den sie ins Meer vieler anderer Produktionen wirft, auf dass er auf der Retro-Welle mitschwimmt.

Nostalgie schwingt in der Tat mit, wenn man diesen Aufnahmen so konzentriert begegnet. Fast mit etwas Herzschmerz kommt man zu der Erkenntnis, dass es sich in vielen Fällen um exemplarische Interpretationen handelt. Gewiss sind manche längst auf dem Markt (oder haben ihn nie verlassen, wie Clara Haskils filigran-schöne Einspielungen von Mozart-Klavierkonzerten), doch manche wirken beim Hören geradezu taufrisch. Und man fühlt sich so jugendlich, als leiste man sich eine Paleo-Diät oder kutschiere die gnädige Frau mit einem Cabrio mit H-Kennzeichen durch die Landschaft. Woran liegt das?

Selbstverständlich hat das mit der Tatsache zu tun, dass Patina sexy ist. Man dringt wie durch einen Schleier zu alten, entlegenen Schätzen, die man mit kindlichem Staunen birgt. Fast hätte man es vergessen, welch wunderbarer Schumann-Interpret Wilhelm Kempff war, der 1956 die C-Dur-Fantasie mit leidenschaftlich großem Atem und atemberaubender Diskretion zugleich musiziert. Man erinnert sich auch wieder an den Pianisten Shura Cherkassky, der wie ein Säbelzahntiger Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 herrlich wild niedermäht. Oder an seinen polnischen Kollegen Stefan Askenase, der mit Chopin geradezu erlaucht verfährt - mit einer sozusagen schlurfenden Nachlässigkeit, die nach polnischem Landadel klingt und grandios authentische Züge bekommt.

Bleiben wir bei den Pianisten: Monique Haas zeigt wieder einmal, was für eine großartige Ravel-Interpretin sie war. Conrad Hansen begibt sich mit dem Perlmutt-Klang seines Hammerklaviers (in jenen Jahren war das eine Sensation) zu Mozart-Sonaten. Andor Foldes entdeckt bei Liszt das Ungarische. Und Swjatoslaw Richter dringt ohne jede berserkerhafte Attitüde in die nachtschattenhafte Welt Robert Schumanns ein ("Waldszenen", Fantasiestücke op. 12).

Im zarten Geviert des Streichquartetts ist die fabelhaft temperamentvolle Debussy-Ravel-Platte des Loewenguth-Quartetts die größte Überraschung. Nicht minder spektakulär die umwerfend draufgängerische und zugleich stilsichere Bergung eines schönen Smetana-Janáek-Komplexes durch das Janáek-Quartett. Weiterhin auf der sicheren Seite ist man mit seriösen Ensembles wie dem Amadeus- (Schubert) und dem Koeckert-Quartett (Dvořák und Bruckner).

Die Box ist auch eine Feier-, keine Weihestunde der Dirigenten. Igor Markevitch (dem die schönste Aufnahme von Mozarts "Krönungsmesse" zu danken ist) reanimiert auch für Mozarts späte Sinfonien den Begriff des Feuers. Kurt Sanderling entdeckt mit den Leningrader Philharmonikern, seinem langjährigen Zuchtinstrument, strukturelle Prozesse ausgerechnet bei Rachmaninow (2. Symphonie). Dass ein angeblich auf neue Musik abonnierter Künstler wie Hans Rosbaud ein Mozart- und Haydn-Interpret von hohen Graden war, ist ebenso bedenkenswert wie das klingende Gedächtnis an Eugen Jochum, der Beethovens 4. Sinfonie auf eine fast schon kuriose, aber sehr einleuchtende Weise masert und täfelt.

Rheinische Musikfreunde älteren Baujahrs werden sich wehmütig jener Jahre erinnern, da eine Sopranistin wie Astrid Varnay regelmäßig an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg sang. Hier ist (mit ihrem Tenorkollegen Wolfgang Windgassen) zu erleben, wie sie Wagners Wildheit mit germanischem Überdruck und doch beispielhafter Deklamation meistert. Wehmut schwingt ebenfalls mit, wenn man der noch unverbildeten Gesangskultur des jungen Dietrich Fischer-Dieskau lauscht, der bei Brahms, Wolf und Schumann sein Talent famos einsetzt.

All dies hört man mit Bewunderung, Beseelung, zuweilen auch Andacht. Es ist so lange her und klingt doch keine Sekunde verstaubt. Und dass es Mono ist, hat man nach spätestens fünf Minuten vergessen. Die Sinne gewöhnen sich daran, dass das Schöne auch ohne Vase wirkt.

Quelle: RP
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