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Kassel
Explosive Fracht auf der documenta

Explosive Fracht auf der documenta 2017
FOTO: dpa, spf fpt
Kassel. Das Museum der 100 Tage ist mehr eine Aufführung als eine Ausstellung. 160 Künstler aus der ganzen Welt zeigen die Konflikte der Welt. Von Annette Bosetti

Wir sind documenta. Im Ernst. Erst durch das Mittun des Betrachters erfüllt sich die Vision der diesjährigen Weltkunstschau. Der Betrachter soll Werke nicht nur anschauen, so wie er es gewöhnt ist. Er muss sich vielmehr gedanklich und sinnlich öffnen, um der Kunst ihre Gültigkeit zu verleihen.

Die documenta 14 wird ab Samstag auch in Kassel Hunderttausende Kunsttouristen vor diese Aufgabe stellen. In Athen ereignete sich der erste Akt dieser Inszenierung, die nach dem Willen ihres Kurators Adam Szymczyk ein Kontinuum von ästhetischen, ökonomischen, politischen und sozialen Experimenten ist. In Kassel folgt der zweite Akt gleichberechtigt. Kunst ist für den Kurator keine abstrakte Demonstration von Zuständen, die in jedem beliebigen Kontext anwendbar ist. Er fordert: "Die documenta soll den Weg in eine Welt weisen, in der wir leben wollen."

Logisch erscheint, dass bei dieser Herangehensweise keine Glitzerwelt der Kunst arrangiert wurde, die im Museum der 100 Tage für Ahs und Ohs und für sensationelle Folgeverkäufe internationaler Galerien sorgt. Auch die ganz großen Namen sucht man vergebens, obwohl man von Gerhard Richter ein kleines Porträt des documenta-Gründers Arnold Bode entdeckt. Vielmehr geht die Kunst angesichts der Verfinsterung der globalen Situation down to earth.

Noch an den trostlosesten Orten der Stadt, wie etwa im ehemaligen unterirdischen Bahnhof, setzen jetzt Künstler Zäsuren. Die Botschaft liegt nah: Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. In Performances und Aktionen ist Zuhören und Mitmachen angesagt. Die aktuellen Weltkrisen finden ihre Spiegelung. Wenn auch die neuen Gefahren der Weltpolitik - etwa durch IS-Terrorristen - nicht ausdrücklich in Werken vorkommen, so steckt die Systemkritik doch stellvertretend in vielen Arbeiten.

Am 19. Mai 1933 verbrannten die Nazis auf dem Friedrichsplatz in Kassel 2000 Bücher. Welcher Platz könnte sich besser eignen als dieser, um die gewaltige Installation von Marta Minujin zu inszenieren? Es ist die augenfälligste und wahrhaftigste Arbeit weit und breit. In ihrem "Parthenon der Bücher" baut die 74-jährige Argentinierin den griechischen Tempel mit einem Stahlskelett nach, verleiht ihm eine transparente schimmernde Außenhaut und platziert in kleinen Taschen gesammelte Bücher darin, die einstmals verboten waren. So schafft sie Gedankentresore. Die weit über ihr Land hinaus bekannte Performancekünstlerin hat den Tempel in Originalgröße nachgeformt, 70 Meter lang, 30 Meter breit und 14 Meter hoch. Im Abendlicht schimmert er geheimnisvoll, seine explosive Fracht verleugnend.

Minujins Kasseler Parthenon der Bücher hatte schon einen Vorläufer 1983 in Buenos Aires, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur, diente ihr die Skulptur als ästhetisches Symbol für Freiheit und Demokratie, darin verarbeitet waren verbotene 20.000 Bücher. In Kassel werden es 100.000 Bücher sein. Doch noch gibt es Leerstellen - was darauf hinweist, dass diese Arbeit so bald nicht aufhören wird. Mit scharfem Blick entziffert man die Buchtitel unter ihrer Verhüllung, es ist Weltliteratur. Thomas Mann und Stefan Zweig standen bei den Nazis auf der Liste, Kinderabenteuer wie die von Tom Sawyer wurden einst in den USA zensiert. In einer Bücherkiste vor dem Parthenon harren noch Titel ihrer Verarbeitung, darunter Wilhelm Reich, "Die Entdeckung des Orgasmus", ein Lieblingsaufklärungsbuch der 68er Generation. Die Lücken in der Bücher-Burg sind kalkuliert. Niemand soll glauben, dass das Thema Bücherverbrennung erledigt ist.

Schon der Friedrichplatz weitet den Blick in die Welt. Hoch oben auf dem ältesten Museum von Kontinentaleuropa wurden einfach die Schriftzüge ausgetauscht. Die zwei Worte Museum Fridericianum hat die türkische Künstlerin Banu Cennetoglu durch eine Parole dieser Tage ersetzt: "Beingsafeisscary" - sicher zu sein ist gruselig. Längst nicht so schön anzusehen ist nur ein paar Meter weiter die Installation aus großen braunen Wasserrohren, die wie abgestellt da liegen und bei jedem Betrachter die Frage provozieren, ob es Kunst oder eine Bauhinterlassenschaft ist. Der Iraker Hiwa K hat unter solchen Rohren seine Flucht erlebt, in Kassel bringt er Leben in die Rohrlandschaft der Betrübnis, Teppiche, Haushaltsgerät. Fast heitere Musik schallt über den Platz.

Die documenta-Halle ist ein Ort der fernen Kulturen, der Mexikaner Guillermo Galindo zeigt hier ein bemerkenswertes Stück seiner Lebenserfahrung, das er "Fluchtzieleuropahavarieschallkörper" nennt. Zusammengebaut hat es der Klangkünstler aus Überresten von Booten, Rettungsringen und Paddeln aus Lesbos, aus Ziegenleder, Cembalosaiten, Klaviersaiten und Metall.

Das Nationale Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen konnte dank der documenta 14 endlich in Athen eröffnet werden - Teile aus dessen Sammlung sind im Fridericianum zu sehen, überwiegend nach 1960 entstandene Werke, die die aktuelle Realität der Hauptstadt reflektieren. Internationale Stars sind dabei, Gary Hill, Francis Alys oder Bill Viola mit seiner Video-Installation "The Raft", in der eine Gruppe dicht gedrängter Menschen zeigt, wie man sie etwa an Haltestellen auffindet: Niemand achtet auf den anderen, bis etwas Schreckliches passiert, alle in Gefahr geraten und aufeinander angewiesen sind. Aus Fremden werden Schicksalsgenossen - auch das ist eine an Griechenland angelehnte Botschaft dieser documenta.

Quelle: RP
 
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