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Berlin
Figaros Hochzeit als Trauerfeier

Berlin. Wie ein Team aus Sängerstars eine Opernaufnahme luxuriös verschläft. Von Wolfram Goertz

Man kann das aktuell nicht hochrangiger besetzen, und wenn es irgendein Indiz dafür gibt, dass dieser 41-jährige kanadische Dirigent ganz oben angekommen ist, dann muss man sich nur die Besetzungsliste anschauen, die ihm die Deutsche Grammophon für diesen "Figaro" spendiert hat. Thomas Hampson als Graf. Sonya Yoncheva als Gräfin. Christiane Karg als Susanna. Luca Pisaroni als Figaro. Selbst in den Nebenrollen Top-Kräfte: Rolando Villazón als Basilio. Anne Sofie von Otter als Marcellina. Das ist purer Luxus.

Yannick Nézet-Séguin, der das Ganze am Pult verantwortet, ist einer der aussichtsreichen Dirigenten von heute. Er ist Chef in Philadelphia und Rotterdam, neulich hat er die Berliner Philharmoniker in Düsseldorf dirigiert, 2020 wird er Chefdirigent der New Yorker Metropolitan Opera. Und jetzt hat er also im Auftrag des Gelblabels diese imperiale Sängerschar versammeln dürfen, um mit ihr die hohe Kunst der Täuschung, der Intrige, der Liebe, der Eifersucht, des Zorns, des Verzeihens zu lehren. Der "Figaro" ist ja eine grandiose Ensemble-Oper, ein zum Teil genial schnatterndes Durcheinander auf mehreren Ebene, und man darf davon ausgehen, dass sich nun die Stars zurücknehmen und in den Dienst der Sache treten. Dass sie uns den Spaß spüren lassen, den es jedem bereitet, mal einer unter vielen zu sein.

Von diesem Spaß merkt man leider nichts. Ja, wenn es irgendetwas in dieser Neuaufnahme nicht gibt, dann ist es Spaß; Funken schlägt nur die Ouvertüre (mit dem Chamber Orchestra of Europe). Eine dermaßen perückenhafte, verklemmte, lustlose, apathische Aufnahme findet man kein zweites Mal.

Die Sänger sind sehr gut, das ist nicht der Punkt, doch huldigen sie einem erhabenen, erbaulichen, stilsicheren Mozart. Dabei müssten sie wissen, dass man mit solcher Geisteshaltung gerade bei Mozart nicht weit kommt. Bei dem muss man die Hosen runterlassen, dass es kracht. Hier gibt nicht mal ein Fürzerchen. Sogar die Rezitative sind zum Gähnen langweilig.

In vier Jahren beginnt Nézet-Séguin an der Met. Das dürfte Zeit genug sein, die Schule der Leichtigkeit zu besuchen.

Quelle: RP
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