Düsseldorf (RPO). Schrecklich viele Schauspieler, die alles können, gibt es nicht in Deutschland. Meist sind die Spielräume klein, der Rosamunde-Pilcher-Darsteller wird bei seinen romantischen Filmen bleiben, der Filmbösewicht gibt nur selten den lieben Familienvater. Bei Jürgen Vogel ist das anders. Jürgen Vogel kann alles. Wirklich.
Eigentlich war von Anfang an klar, dass er ein ganz Großer ist. Schon 1992 war das logisch. Vogel drehte „Kleine Haie“ mit Kai Wiesinger, Gedeon Burkhardt und Meret Becker, einem der bis heute besten, meistzitierten deutschen Filme. Der Hamburger spielte einen frustrierten Spüler aus Gelsenkirchen, der durch einen seltsamen Zufall in ein Vorsprechen der Essener Folkwangschule für Schauspiel gerät und dann mit einem Freund von Schauspielschule zu Schauspielschule zieht. Dass der Film schon 16 Jahre alt ist, merkt man nur an den Klamotten und Frisuren. Der Humor ist heute noch so gut wie damals und Vogel noch genau so echt.
Die Figuren, die Jürgen Vogel spielt, sind selten die Helden im Scheinwerferlicht. Vogels Charaktere sind wie echte Menschen: kaputt und nett, nervtötend und schwer gestört. Vogel kann sie alle, und alle gleich authentisch. Er spielte den eifersüchtigen Alexandra-Maria-Lara-Partner in „Nackt“, den besten und sehr unbedarften Freund in „Wo ist Fred“, den Krebskranken, der nicht schwach sein will, in „Emmas Glück“. Eigentlich aber stimmt das so nicht. Vogel spielt nicht – er ist. "Alles, was ich spiele, hat mit mir zu tun. Ich kann nur spielen, was ich verstehe", sagte Vogel dann auch in einem Interview mit der "taz".
Dass er keiner von denen ist, die nur ein Gesicht haben, war nicht erst nach „Der freie Wille“ klar – aber es wurde besonders deutlich. Jürgen Vogel spielte Theo nicht, er schien es zu sein. Als Schauspieler könne man keine echte Distanz zu seinen Rollen aufbauen, man müsse immer ganz abtauchen darin. Und das macht er. Dass man Vogel jemals so sehr den Vergewaltiger abnehmen würde, der seine Triebe nicht in den Griff bekommt, damit war nicht zu rechnen.
„Der freie Wille“ tat viel zu sehr weh, als dass man danach noch unbeschwert ein Bier hätte trinken gehen können. Und ist genau deshalb einer der besten deutschen Filme überhaupt: weil er keine Angst hatte zu zeigen, was für ein Arschloch das Leben sein kann und zu was für Schrecklichkeiten Menschen in der Lage sind.
In dieser Woche kommt Vogel mit „Die Welle“ ins Kino. Und auch das wird wieder gut werden. Das geht nicht anders. Weil Jürgen Vogel dabei ist.
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