Venedig (rpo). Großes Kino, großer Beifall: Wim Wenders zeigt in „Land of Plenty“ ein gestraucheltes Amerika zwischen Paranoia und Patriotismus. Für das ebenso spannende wie einfühlsame Politporträt erhielt der deutsche Filmemacher beim Festival in Venedig sehr positive Kritiken.
Ob es für einen Löwen reicht? Schon einmal, 1982, war Wim Wenders als bislang letzter Deutscher für „Der Stand der Dinge“ in Venedig ausgezeichnet worden. Foto: AP
Ob es für einen Löwen reicht? Schon einmal, 1982, war Wim Wenders als bislang letzter Deutscher für „Der Stand der Dinge“ in Venedig ausgezeichnet worden. Mit „Land of Plenty“ kehrte der Kultregisseur nun an den Ort seines Erfolges zurück – und wurde erneut gefeiert. Sein Wettbewerbsbeitrag spielt in Los Angeles - seit Jahren Wenders’ Wahl-Residenz – einer Kapitale voller Gegensätze, von der man auf der Leinwand bislang meist nur die Glamourseiten zu sehen bekam. Wenders zeigt die Millionenmetropole stellvertretend für die sozialen Missstände in Amerika: Hungersnot und Hollywood, Mangel und Masse liegen hier sehr nahe beieinander.
In diesem Moloch fährt der traumatisierte Vietnam-Veteran Paul (bedrückend echt: John Diehl) tagtäglich seine Runden. Seit dem 11. September vermutet der Ex-Soldat an jeder Straßenecke den nächsten Terror-Supergau, hält alle Araber für dubios und observiert Suspekte mit akribischem Fanatismus. Als sich seine Nichte Lana (sehr süß, sehr unschuldig: Michelle Williams), eine junge Missionarin, nach vielen Jahren bei ihm meldet, will Paul zunächst nichts mit ihre zu tun haben. Doch dann wird vor dem Obdachlosenheim, in dem Lana arbeitet, ein Ausländer erschossen. Prompt wittert Paul den ganz großen Fall und begibt sich zusammen mit seiner ahnungslosen Nichte auf einen vermeintlichen Anti-Terror-Einsatz.
Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, als gespaltene Nation – poetisch bebildert, packend inszeniert und mit rockigem Soundtrack unterlegt. Ein echter ‚Wenders’ eben! Doch wer nun eine Kunstversion von Michael Moores Anti-Bush-Montagen erwartet, der liegt falsch. So verzichtet Wenders gänzlich auf jegliche Denunzierung oder Schadenfreude, bewahrt sich statt dessen einen liebevollen Blick für jenes Land, das „ich noch immer sehr liebe“, wie der Regisseur betonte. „Amerika wird derzeit sehr negativ gezeigt – zu dieser Anti-Atmosphäre möchte ich auf keinen Fall beitragen. Im Gegenteil. Ich will mit meinem Film niemanden verurteilen, allerdings auch nicht sentimental werden. Ich liebe Amerika noch immer für all jene Dinge, für die es steht“, so der 59-Jährige.
Ungewöhnlich, dass dieser Film ausgerechnet von einem europäischem Regisseur stammt. Wenders erklärte das so: „Ich habe mir meinen deutschen Blick bewahrt, allerdings war das nicht immer so. Als ich vor vielen Jahren nach Amerika kam, hat einige Zeit gebraucht, bis ich mir schließlich eingestanden habe, dass ich niemals ein amerikanischer Regisseur sein würde. Eine sehr schmerzhafte Erkenntnis, doch danach ging es mir besser. Ich drehe meine Filme zwar in Amerika, bin im Herzen aber deutsch geblieben“. In Deutschland startet „Land of Plenty“ am 7. Oktober.