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Stop-Motion-Film
"Anomalisa" ist großartiges Animationskino

"Anomalisa" von Charlie Kaufman im Kino: Ein großartiger Animationsfilm
Das Stop-Motion-Drama wurde mit enormem Aufwand inszeniert. FOTO: Paramount Pictures via ap
Düsseldorf. Charlie Kaufman ("Being John Malkovich") hat einen revolutionären Film mit Puppen gedreht. Jetzt kommt er in die Kinos. Von Renée Wieder

Michael Stone ist Motivations-Coach, und er kann nicht mehr. Auf PR-Tour für seinen Ratgeber "How May I Help You Help Them" hetzt er durchs Land. Bars, Roomservice und Frotteebadelatschen ergeben für ihn längst keinen Sinn mehr. Kellnerinnen, Ex-Freundinnen, Frau und Sohn daheim, alle sprechen mit derselben öden Männerstimme (Tom Noonan). Eines Abends hört Michael durch die Wand des Hotelzimmers eine einzelne Frauenstimme. Kein Wunder, dass er durchdreht.

Nervenkrisen gehören zum Werk Charlie Kaufmans wie die Couch zum Therapeuten. Als Drehbuchautor verstört der Mann sein Publikum seit Jahren mit düsteren Fabeln über Leute, deren Geist kunstvoll in Scherben geht, in "Vergiss mein nicht!" zum Beispiel oder "Being John Malkovich". Kaufman macht gern Menschen zu Marionetten, zieht an den Strippen und beobachtet dann, was passiert. Nur konsequent also, dass sein zweites Regiewerk ein Puppenfilm ist. Ursprünglich auf 40 Minuten geplant, wurde aus "Anomalisa" ein abendfüllender Kopfkrimi. Einer, bei dem nicht eine Szene zu viel ist.

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Michael (Sprecher: David Thewlis) durchsucht das Hotel, bis er die Besitzerin jener Stimme findet, Callcenter-Angestellte Lisa (Jennifer Jason Leigh). Er wird in dieser Nacht nicht mehr lassen von dieser Frau, die ihr individuelles Gesicht hat und Songs von Cyndi Lauper singt. Für Michael ist Anomalisa, wie er sie nennt, das einzig existente Du zu seinem Ich, die letzte Chance, etwas zu fühlen.

Kaufman inszenierte das Stop-Motion-Drama mit dem Puppen-Experten Duke Johnson, mit enormem Aufwand; allein die Animation der zentralen Liebesszene dauerte sechs Monate. In einem Kaufman-Film lohnt es sich immer sehr, nach Hintergründen zu suchen. "Fregoli" heißt zum Beispiel Michaels Business-Hotel. Der Name verweist erstens auf das Bühnenstück, das Kaufman 2005 unter dem Pseudonym Francis Fregoli schrieb und auf dem der Film basiert. Zweitens auf das so genannte "Fregoli"-Syndrom, das den paranoiden Patienten glauben macht, alle Menschen um ihn herum seien eigentlich eine und dieselbe Person. Michaels Leben ist zu einem kafkaesken Konsum-Albtraum geworden, Individualität gibt es nicht. Freudlos und beklemmend und erfüllt von müdem Geraune ist die Welt in "Anomalisa", als leide sie insgesamt an Burnout. Auf den Gesichtern liegen identische Masken, eine dünne Furche trennt Stirn und Wangen. Was Grausiges darunter liegt, offenbart Kaufman in einer Szene mit der Wucht einer Horrorvision.

Der Film ist in der Auswahl für den Animationsoscar. Er wirkt deplatziert in dieser Spielplatzkategorie, eine Nominierung für den besten Film hätte drin sein müssen. Nur ein kreativer Querkopf wie Kaufman packt so viele brillante Filme in einen: psychologischer Thriller, Liebesdrama, Trickfilm, Satire mit galligem Humor. "Anomalisa" macht keinerlei Zugeständnisse an die Seh- und Fühlgewohnheiten des Publikums. Eine Zumutung ist das zuerst, aber dann lohnt es sich. Man fürchtet um Michael, den depressiven Mittelklasse-Roboter, dessen Batterien da gerade durchbrennen. Und man begreift, warum Kaufman eine dickliche Puppe mit hängenden Schultern wählte, um die Geschichte zu erzählen.

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Anomalisa, USA 2015 - Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson, 91 Min.

Quelle: RP
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