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Kinostart "Ant-Man"
Geschrumpftes Heldentum

"Ant-Man" ist die neue Hauptfigur aus dem Marvel-Comicuniversum
Der Schauspieler Paul Rudd ist "Ant-Man". FOTO: dpa, bsc
Düsseldorf. "Ant-Man" ist die neue Film-Hauptfigur aus dem Marvel-Comicuniversum. Der Ameisenmann ist winzig, kann aber riesig zuschlagen - und ist der ideale Held für eine Zeit, die allem Gigantischen misstraut. Donnerstag läuft der Film an. Von Dorothee Krings

Die Kleinen werden immer unterschätzt. Das ist ihre Stärke. Scott weiß das allerdings noch nicht. Er ist gerade aus dem Knast gekommen. Lange war er ein Robin Hood der Neuzeit, hat üble Konzerne bestohlen, um deren Gewinne an die Kunden zurückzugeben, und wurde erwischt. Jetzt will er ein ruhiges Leben führen, will seiner niedlichen Tochter ein guter Vater sein. Einer, zu dem das Kind aufschaut.

Mit diesem Vorsatz lässt Hollywood gern seine rührseligen Heldenepen beginnen, die Geschichten, in denen ein Verlierertyp mit edlen Absichten so lange an der Läuterung gehindert wird, bis das Schicksal ihm eine Bewährungsprobe beschert: den einen Moment, da er über sich hinauswächst.

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Doch dafür muss Scott erst einmal schrumpfen. Er wird einen Anzug stehlen, wird ahnungslos in die Lederkluft steigen, an den Knöpfen im Handschuh spielen und - zack, wird er in den Mikrokosmos geschleudert. Schlagartig ist sein Körper nur noch ameisengroß - und jeder Schuhabsatz eines Menschen eine tödliche Bedrohung. Doch wenn er zuschlägt, hat Scott ungeheure Kräfte. Und als Winzling ist er nahezu unsichtbar. So kann er ausziehen, die Welt zu retten, kleiner Mann ganz groß. Seine Macht liegt im Übersehenwerden - im Zuschlagen aus dem Hinterhalt.

Helden verkörpern die Ideale ihrer Zeit. Bemerkenswert also, dass die Trickspezialisten des Marvel-Comicuniversums sich mit ihrem neuen Action-Film "Ant-Man" in den Mikro-Bereich hinabbewegen und einen Helden aussenden, der kein heroischer Hüne ist, sondern klein, schnell, wendig - und darum gefährlich. "Ant-Man", der Ameisen-Mann, ist nicht robuster oder rabiater als die anderen, sondern klüger und flinker, er lässt die alten Muskel-Helden wie tumbe Toren aussehen, lässt ihre Schläge ins Leere gehen, weil er sich blitzschnell aus der Gefahr schrumpft. Er ist ein brillanter Ausweicher, zu schlau für Tapferkeit. Er macht seine Feinde nicht nieder, sondern trickst sie aus. Er ist effektiv, nicht martialisch - und damit der passende Held für eine Zeit, die allem Gigantischen misstraut und auf die Möglichkeit des Gesundschrumpfens baut.

Vorbei die wachstumsseligen Jahre, als die Menschen auf das Höher, Größer, Stärker setzten und die Helden nicht omnipotent genug sein konnten. "Ant-Man" ist der Held zur Deflation, der Mann des Minus-Wachstums, der sein Heil im Schrumpfen sucht. Seine Aufgaben geht er listig-pragmatisch an, wartet auf den günstigsten Augenblick, um zuzuschlagen und weicht den Gefahren ansonsten lieber aus. Er will kein Blut vergießen, keine Ehre verteidigen. Er will nur ans Ziel. Schließlich war "Ant-Man" im ersten Leben Dieb, er sucht nicht die Auseinandersetzung, nicht den Show-down, er will nur an die Beute. Natürlich um der guten Sache willen, so viel Ehre muss schon sein.

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Dazu ist "Ant-Man" ein Team-Spieler. Er kann mit Ameisen kommunizieren, kann allein durch die Kraft seines Bewusstseins deren Willen manipulieren und sie sich gefügig machen. Das ist der Traum des veganen Zeitalters: Tiere für seine Zwecke zu nutzen, ohne ihnen wehzutun, in vollkommener Bewusstseinssymbiose. Der Ameisen-Mann braucht nicht mal eine Peitsche, er muss nur die Augen schließen und seinen Willen fokussieren, schon bauen seine fleißigen Insektenfreunde Brücken für ihn oder verspritzen ihr Gift auf seine Feinde. Der Held der Gegenwart ist kein Wüstling, er ist ein Manipulator.

Ein wirklicher Action-Knaller gelingt mit einem solchen Helden natürlich nicht. Und so schwankt der erste Film, der "Ant-Man" zur Hauptfigur macht, auch zwischen Abenteuer und Komödie. Dafür ist der freundlich-smarte Paul Rudd der ideale Hauptdarsteller. Immer wieder bricht er als Ameisen-Mann die rührendsten Momente durch einen Gag. Er pflegt die Selbstironie, ist ein Anti-Held mit Humor. Das ist sympathisch, doch funktioniert ernstzunehmende Action nur mit Pathos, nur mit dem Willen zum Ergriffensein. Bei "Ant-Man" hingegen entgleisen Spielzeug-Eisenbahnen, und Stöckelschuhe werden zur Bedrohung. Das ist lustig, Verfolgungsjagden durch die gigantischen Borsten eines Teppichbodens oder Floßfahrten durch Wasserleitungen haben Schauwert, fürchten muss man sich nicht.

Auch die erste Mission für den Helden im Insektenformat ist erzählerische Routine. Der ursprüngliche "Ant-Man", Bio-Chemiker Hank Pym, der noch Teil der "Avenger"-Heldenfamilie war, ist in die Jahre gekommen. Michael Douglas spielt ihn mit der staatstragenden Steifheit des gealterten Stars, was dem Film einiges an Fahrt nimmt. Pym hat sich darauf zurückgezogen, die Substanz zu bewahren, die er erfand, um seine Körpergröße zu verändern. Doch nun wollen ihm Rüstungsleute sein Geheimnis entwenden, sie tüfteln ebenfalls an einem Schrumpfungsmittel samt Anzug, um Supersoldaten zu schaffen.

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Also sucht Pym nach einem Mann, der so aufrecht ist, sein Leben für die gute Sache zu riskieren. Und weil Scott auch noch ein wenig in der Klemme steckt, ist er der gesuchte Mann. Dazu gibt es noch Evangeline Lilly als eisenharte Tochter des Chemikers, die viel besser geeignet wäre, ihren Vater beim Weltenretten zu beerben. Doch sie muss noch warten, kann sich derweil schon mal verlieben, ihre Zeit für den Nano-Nahkampf wird noch kommen. Und natürlich wird sie gut sein.

"Ant-Man" ist ein Held, der dem Heldentum misstraut. Das macht ihn zu einer zeitgemäßen Figur, ironisch, sympathisch und ein bisschen langweilig. Glückliche Zeiten, die sich Helden seines Formats leisten können.

Quelle: RP
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