Dreiecksgeschichte: "Asylum": Erotische Obsession in den 50er Jahren
VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 12.02.2005 - 15:44Berlin (rpo). Ian McKellen, Natasha Richardson und Hugh Bonneville sind die Stars des tragischen Eifersuchtsdramas von Regisseur David McKenzie („Young Adam“). Der Film über eine Dreiecksgeschichte zwischen einem Psychiater, seiner Frau und einem psychisch gestörten Mann stammt aus der Feder von Patrick Marber, dessen verfilmtes Theaterstück „Hautnah“ derzeit mit Julia Roberts in den Kinos Erfolge feiert.
Viel Applaus gab es für den irisch-britischen Bären-Aspiranten – „Asylum“ habe all das, was der gestrige Eröffnungsfilm „Man to Man“ vermissen ließe, urteilten sogar einige Journalisten. Ein Lob, das Hugh Bonneville allerdings mit gemischten Gefühlen entgegennahm, wirkte der 41-Jährige doch in beiden Filmen mit. Während er in „Man to Man“ einen ignoranten Wissenschaftler spielte, war er in „Asylum“ als zugeknöpfter Psychiater und Ehemann von Natasha Richardson zu sehen. Zwei Filme, zweimal der „Böse“ – Bonneville (spielte bereits neben Kate Winslet in „Iris“) quittierte die unterschiedlichen Reaktionen auf die Berlinale-Beiträge mit typisch britischem Humor: „In der Tat spiele ich in beiden Filmen einen Loser, nur trage ich in „Man to Man“ dabei einen Schnurrbart. Ich bin auf solche Figuren abonniert: Ganz oben auf meinem Lebenslauf steht vermerkt: ‚Dieser Mann spielt nur Loser’“.
Ein Loser, der sich jedoch als Schauspieler ganz stark in seinen Rollen zeigt, wie Natasha Richardson kommentierte. Die Tochter von Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave spielt in „Asylum“ Stella Raphael - eine frustrierte Ehefrau und Mutter im gutbürgerlichen England der 50er Jahre. Während ihr Gatte Max (Bonneville) mit einer neuen Stelle als Psychiater in einer renommierten Klinik die Karriereleiter emporklimmt, fühlt sich die intelligente Frau mit ihrem Hausweibchen-Dasein völlig unterfordert. Ihrem Mann zu Liebe versucht Stella, sich an den Kaffeekränzchen der anderen Arztgattinnen zu beteiligen, langweilt sich jedoch innerlich zu Tode. Obwohl Stella alles hat, wovon andere Frauen nur träumen können, sitzt sie im goldenen Käfig. Ein Gefängnis, das jedoch Risse zeigt – wie Max in schon in der Eröffnungssequenz bezeichnenderweise sagt: „Wir sollten es reparieren lassen“, erklärt er beim Anblick eines renovierungsbedürftigen Glashauses, scheint damit aber nicht nur die zerbrochenen Fenster der verfallenen Laube zu meinen.
Ausgerechnet jenes Häuschen im Garten der Raphaels führt Stella eines Tages mit ihrem Schicksal zusammen: Für die Reparatur der Laube entsendet Maxs Psycho-Anstalt den Langezeitpatienten Edgar (Marton Csokas aus „Die Bourne Verschwörung“). Als Stella den glutäugigen Kerl in ihrem Garten entdeckt, schlägt die Liebe zwischen beiden wie der Blitz ein. Sie tun das Unglaubliche und beginnen eine heimliche Affäre – sie, die feine Lady der höheren Gesellschaft und er, der Mann, der einst wegen des Mordes an seiner Ehefrau in einer Irrenanstalt landete. Als ihre Beziehung schließlich auffliegt, sind beide bereits längst verloren. Zu tief ist ihre Leidenschaft füreinander, als dass sie bereit wären, ihre Liebe aufzugeben.
Regisseur David McKenzie erklärte, dass er die Handlung in den 50er Jahren angesiedelt habe, „um so die nötige Distanz zu dem Stoff zu bekommen. Ich wollte die Geschichte ganz unbehaftet von Vorurteilen aus der Gegenwart erzählen“. Tatsächlich präsentiert sich die dramatische amour fou aus unterschiedlichen Perspektiven. Neben den Schicksalen von Stella, Max und Edgar ist da auch noch der undurchsichtige Dr. Cleave (gespielt von Sir Ian McKellen, der seinen Berlinale-Besuch leider aus gesundheitlichen Gründen absagen musste), Edgars behandelnder Arzt, der sich zunächst als Stellas Verbündeter ausgibt, am Ende aber auch sehr eigennützige Hintergedanken hegt.
Natasha Richardson fühlte sich zu der tragischen Figur der Stella sofort angezogen, als sie das Drehbuch las: „Ich bewege mich gerne in den dunklen Territorien der menschlichen Psyche. Es sind die Abgründe einer Person, die mich interessieren. Es mag komisch klingen, aber ich konnte mich mit Stella unmittelbar identifizieren – was auch immer das über mich aussagen mag“, lachte die 41-jährige, deren Ehemann Liam Neeson Ende nächster Woche ebenfalls nach Berlin reisen wird, um seinen Film „Kinsey“ vorzustellen.
Die Auseinandersetzung mit der düsteren Thematik und den problembehafteten Figuren bezeichnete auch Richardsons Co-Star, der Neuseeländer Marton Csokas, als äußerst intensiv. “Wir haben in einer psychiatrischen Klinik gedreht, deren Betrieb erst sechs Monate zuvor eingestellt worden war. Das hat die Atmosphäre einerseits realistischer gemacht, andererseits war es kein angenehmer Gedanke, sich vorzustellen, wie sich das Leben als Insasse in dieser Klinik anfühlen würde”. Regisseur McKenzie fügte grinsend hinzu: “An einem Drehtag war Marton plötzlich spurlos verschwunden. Irgendwann fanden wir ihn alleine in einer leeren Zelle – er hatte sich dorthin zurückgezogen, um zu recherchieren”.
Alles in allem wäre „Asylum“ mit seiner atmosphärischen Dichte, schauspielerischen Brillanz und bewegenden Story sicherlich der würdigere Eröffnungsfilm für die 55. Festspiele in Berlin gewesen. Ob es am Ende für einen Goldenen Bären reichen wird, ist fraglich. Denn schon heute bekam das Werk starke Konkurrenz von der Independent-Produktion „Thumsucker“. In dem Spielfilm-Debüt von Videoclip-Regisseur Mike Mills liefern Tilda Swinton, Vincent D’Onfrio, Keanu Reeves, Vince Vaughn und Benjamin Bratt ein äußerst kurioses Porträt vom Leben im amerikanischen Vorort-Universum.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






