Neuer Film von Fatih Akin: "Auf der anderen Seite" - eine deutsch-türkische Tragödie
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.09.2007 - 12:07Düsseldorf (RP). Was hat dieser Fatih Akin nur für ein Talent, die wahrlich verwickelten Handlungen seiner Filme manchmal zu einem Bild zusammenschnurren zu lassen. Für einen Moment steht die Zeit dann still; mitten im Geschehen erfasst den Zuschauer der kühle Hauch großer Klarheit, vermittelt ohne Worte.
In seinem neuen Werk „Auf der anderen Seite” ist es das Bild zweier Särge, die aus Flugzeugbäuchen rollen, einmal in Deutschland, einmal in der Türkei. In ihnen liegen zwei Frauen, eine aus Deutschland, eine aus der Türkei, die, schuldlos in Schuld verstrickt, im jeweils fremden Land sterben. Folglich werden sie zurückgeholt auf die andere Seite.
Diese beiden Szenen, spiegelbildlich in den Film montiert, erzählen stumm von der gesamten Tragik dieses Films, der von so vielem handelt: dem Heimischwerden in der Fremde, einer deutschen Mutter-Tochter-, einer türkischen Vater-Sohn-Geschichte und dem Tod. Der ist bei Akin keine billige Lösung, keine hilflose Flucht ins Nichts, sondern in Zwischentiteln lang angekündigter Zielpunkt zweier Episoden, die mit tragischer Unaufhaltsamkeit genau auf diese Momente zusteuern.
Ja, Akins neuer Film ist tragisch im klassischen Sinne, und es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der 34 Jahre alte Filmemacher die großen Erzählmuster der Antike in die deutsch-türkische Gegenwart holt. Nach Bremen zum Beispiel. Im türkischen Milieu der Hansestadt setzt der Film ein. Ein alter Mann (Tuncel Kurtiz), Einwanderer der ersten Generation, verliebt sich in eine türkische Prostituierte. Sein Sohn (Baki Davrat) hat es zum Germanistikprofessor gebracht und beäugt die Don-Juan-Anwandlungen des Vaters skeptisch, aber ihn rührt die Lebensgeschichte der neuen Frau (Nursel Köse) in der Familie.
Doch dann lädt der alte Vater kapitale Schuld auf sich und treibt den Sohn so zu einer Reise, die ihn nach vielen Stationen das Verzeihen lehrt. Parallel zu dieser Entwicklungsgeschichte erzählt Akin von zwei jungen Frauen: Von Ayten (Nurgül Yesilçay), einer wütenden Politaktivistin, die vor der Polizei nach Deutschland flüchtet und bei der deutschen Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) Unterschlupf findet. Doch Ayten fliegt auf, wird abgeschoben, Lotte folgt ihr in die Türkei, will die Freundin aus dem Gefängnis holen.
Zum ersten Mal in ihrem behüteten Leben wird der suchenden Lotte etwas wichtig. Beide Handlungen sind durch die Verwandtschaftsverhältnisse der Figuren verwoben. Sie suchen einander, ihre Wege kreuzen sich unerkannt, fast geschieht die Unwahrscheinlichkeit, im Moloch Istanbul eine Unbekannte zu finden. Doch siegt das Schicksal oder moderner der Zufall: In der Großstadt rauschen die Menschen aneinander und dem guten Ende vorbei. Und so fliegen die Särge.
Das alles ist überkonstruiert, durchaus. Doch weil Akin ein ökonomischer Erzähler ist, der nie bummelt, sondern sich Langsamkeit für die entscheidenden Momente bewahrt, trägt eine große Ruhe diesen Film. Und weil Akin zugleich an die ganz großen Themen rührt, Liebe und Sünde, Vergebung und Verrat, an Themen also, von denen sich die Menschen seit jeher erzählen, haben seine Filme dieses Gewicht, diese Wucht.
Dabei hütet sich Akin vor Pathos - ergreift, weil er es nicht darauf anlegt. Und weil er hervorragende Schauspieler versammelt, unter ihnen die Fassbinder-Darstellerin Hanna Schygulla. Sie spielt die zunächst schwer erträgliche deutsche Gluckenmutter, die zu einer tief bewegenden Trauernden wird. Akin gibt der Schygulla Raum, wie ein Klageweib im Schmerz über den Verlust einer der Toten zu versinken, führt sie aus diesem Tal aber auch wieder heraus.
So ist der Tod bei Akin ohne jede Verklärung, ohne Naivität, zugleich brutale Auslöschung und Anfangspunkt für Neues. Auch darin ist Akin klassisch.
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