Internationale Presse begeistert: Beifall für Oskar Roehlers 'Agnes und seine Brüder'
VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 06.09.2004 - 19:35Venedig (rpo). Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup und Martin Weiß auf einer Reise in ihr ganz persönliches Absurdistan – mitten rein ins wundersame Reich der allzu menschlichen Abgründe. Allerlei Skurriles kommt da ans Tageslicht – Regisseur Roehler scheut sich nicht, das scheinbar Unaussprechliche zu thematisieren und herrlich bissig durch’s Satiresieb zu streichen. Ein provokantes Werk, das von der internationalen Presse begeistert aufgenommen wurde.
Ein strohblonder Umweltpolitiker mit Oberlippenbart, der sich für Dosenpfand erwärmt und mit einem Husky namens Joschka joggen geht. Klingt alles irgendwie bekannt. Die Rede ist hier jedoch nicht von einem Polit-Promi, sondern von Dr. Werner Tschirner (genial: Herbert Knaup) – einer von drei Hauptfiguren aus Oskar Roehlers Gesellschaftssatire „Agnes und seine Brüder“.
Da stellt sich der bedachte Deutsche prompt die Frage: Darf man denn die Grünen kritisieren? Das sind doch die Umweltengel, die so genannten „Guten“. Man darf, es wurde sogar höchste Zeit! Immerhin: „Die haben zehn Jahre für die Einführung des Dosenpfand gekämpft, waren für mich schon immer eine dubiose Partei, die nie so richtig wussten, was sie eigentlich wollen“, erklärte Oskar Roehler. Der Regisseur („Die Unberührbare“) betonte jedoch, er sei deshalb nicht gegen gute Umweltpolitik – „Ich will auch nicht, dass die Natur vor die Hunde geht, aber es kann doch nicht nur um dieses eine Thema gehen. Unter diesen pseudo-liberalen Leuten tummeln sich viele Fanatiker“, so Roehler.
Die Komödie (oder ist es eine Tragikomödie? Da war sich Roehler selbst nicht sicher) hatte in Venedig ihren großen Auftritt, wenn auch außerhalb des Wettbewerbs. Vor allem die internationale Presse kugelte sich vor Lachen angesichts der skurrilen Leichen, die da auf der Leinwand aus dem Keller geholt wurden. Das deutsche Journalistenlager zeigte sich hingegen gespalten – von „grandios“ bis „totaler Quatsch“ rangierte die Bewertung. Fakt ist: Roehler tischt eine extrem bizarre Wahrheit auf, die allerdings bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so unrealistisch scheint.
Die Story: Die drei Brüder Werner, Hans-Jörg und der Transsexuelle Martin/Agnes hadern mit ihrem Leben. Scheinbar unter traumatischen Bedingungen aufgewachsen (das wird jedoch nur angedeutet), führen alle drei einen komplizierten Kampf ums Glück. Während Werner, der Älteste, nach außen auf erfolgreichen Politprotz macht, zerbröckelt in seinen eigenen vier Wänden die Ehe mit der spröden Gattin (schön schrullig: Katja Riemann). Hans-Jörg (wie immer überzeugend: Rehauge Moritz Bleibtreu) ist ein sexsüchtiger Bibliothekar, der überall nur wippende Brüste und bare Schenkel sieht. Und Agnes (tolle Neuentdeckung: Martin Weiß) hat sein Männerleben an den Nagel gehängt, treibt nun als Tänzerin durchs Kölner Nachtleben.
So krass die Charaktere klingen mögen – „viele Leute werden sich in bestimmten Details wieder erkennen. Es geht ja hier auch um ein universelles Bild der Unzufriedenheit mit der Existenz in unserer Gesellschaft“, meinte Roehler, der ein ganzes Spektrum – von kleinen Schrulligkeiten bis zu großen Unregelmäßigkeiten – in seinen Figuren zeigt. „Viele Leute, die sozusagen ein ‚normales’ Leben führen, verdrängen oft, wie viele extreme Seiten sie in sich haben. Würden sie ihren Trieben mehr nachgeben, könnten sie sich unter Umständen als Voyeur oder Exhibitionist wiederfinden“, so Roehler. Das Bild, das Roehler von Deutschland transportiert, mag im eigenen Land nicht jedem schmecken – aber: Spaß muss sein, und wer den nicht versteht, kann ja auch zu Hause bleiben. „Agnes und seine Brüder“ läuft bundesweit am 14. Oktober an.
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