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Kino
Das Jahr der Regisseurinnen

Bekommen die Regisseurinnen Maren Ade und Maria Schrader den Oscar 2017?
Maria Schrader. FOTO: dpa, Wolfgang Ennenbach
Düsseldorf. Maren Ade und Maria Schrader haben 2016 starke Filme vorgelegt und sind nun beide im Oscar-Rennen. Dabei tun sich Frauen im Fach Regie weiter schwer: 2015 stammten nur etwa 16 Prozent der Kinofilme von Filmemacherinnen. Von Dorothee Krings

Die eine erzählt von einer jungen Frau, gestresste Unternehmensberaterin, deren Vater sich falsche Zähne in den Mund schiebt, eine lächerliche Pudelperücke aufsetzt und bei Meetings auftaucht, um der Tochter die Leere ihres Lebens vorzuführen. Die andere Regisseurin folgt dem Schriftsteller Stefan Zweig ins Exil: Brasilien, New York, wieder Brasilien. Sie porträtiert einen Schriftsteller, der vor den Nazis ins Ausland flieht, Künstler bleiben will und schließlich doch am Ausmaß der Barbarei in seiner Heimat zerbricht.

700.000 Menschen haben "Toni Erdmann" gesehen

Zwei Filme zur Zeit, die von Entfremdung, Ohnmacht, dem Versuch des richtigen Lebens im falschen erzählen - eigenwillig in der Stoffwahl, markant in der Erzählweise. Maren Ade legt mit "Toni Erdmann" eine psychologisch genaue Komödie mit tragischen Momenten vor. Maria Schrader wagt mit "Vor der Morgenröte" ein wortlastiges Biopic, das dem Zuschauer vor üppiger Kulisse lange, tiefgründige Dialoge zumutet. Solche Arbeiten passen nicht in gängige Förderrichtlinien und sind ein Risiko für jeden Produzenten. Doch die beiden Frauen haben keine Kompromisse gemacht, haben Jahre an ihren Projekten festgehalten, ihre künstlerischen Visionen durchgesetzt - und hatten am Ende auch kommerziellen Erfolg: Etwa 700.000 Menschen haben "Toni Erdmann" gesehen, auch "Vor der Morgenröte" knackte die magische 200.000 Marke - und das mit einem historischen Stoff aus der Nazi-Zeit. Beide Regisseurinnen sind nun sogar Konkurrentinnen um die höchste Auszeichnung der internationalen Filmbranche: Maren Ade geht für Deutschland, Maria Schrader für Österreich ins Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Man könnte das Jahr 2016 also zum Regie-Jahr der Frauen ausrufen, wäre da nicht die Wirklichkeit: 2015 stammten nur 15,7 Prozent der Kinofilme von Regisseurinnen, dabei liegt der Anteil der Frauen in den Regieklassen der staatlichen Filmhochschulen inzwischen bei 40 Prozent. An künstlerischem Potenzial scheint es nicht zu mangeln, doch auf dem langen, steinigen Weg von der Idee über die Finanzierung bis zur Umsetzung eines Kinofilms scheinen viele Frauen verlorenzugehen. Oder an gläserne Türen zu stoßen, die sich noch nur schwer öffnen lassen.

Maren Ade. FOTO: AP

Maren Ade und Maria Schrader ließen sich nicht aufhalten, und wer den beiden begegnet, die gerade gemeinsam den Herbert-Strate-Preis der Film- und Medienstiftung NRW und des Verbandes der deutschen Filmtheater bekommen haben, erlebt zwei selbstbewusste, hartnäckige Frauen, die mit viel Selbstironie über ihre Arbeit sprechen - und über ihren unbedingten Willen, ihre Filme so zu drehen, wie sie ihnen vorschweben.

Beide Regisseurinnen nehmen dafür lange Projektzeiträume in Kauf: Maria Schrader hat in elf Jahren zwei Filme gedreht: vor dem Stefan-Zweig-Porträt die Romanadaption "Liebesleben". Allerdings ist das nur die offizielle Rechnung, schon bei den Filmen, die sie als Schauspielerin zusammen mit dem Regisseur Dani Levy drehte, hat sie an den Büchern mitgeschrieben und an der Produktion mitgewirkt. Doch wurde das Anfang der 1990er Jahre noch wenig wahrgenommen. Maren Ade, die in München zunächst Produktion, dann erst Regie studierte und ihre Filme in der eigenen Produktionsfirma herausbringt, hat in 13 Jahren drei Filme vorgelegt. Stets mit großem Erfolg. Schon ihr Abschlussfilm an der Hochschule "Der Wald vor lauter Bäumen" erhielt internationale Anerkennung. Das Beziehungsdrama "Alle anderen" wurde bei der Berlinale ausgezeichnet, ihr aktueller Film sorgte in Cannes für große Aufmerksamkeit.

Ist das typisch Frau?

Schrader wie Ade sind Perfektionistinnen, die ihre Drehbücher selbst schreiben, lange an ihren Stoffen recherchieren, inhaltlich denken, ohne Rücksicht auf Förderintervalle. Womöglich ist das typisch Frau.

Auch erzählen beide Filmemacherinnen, dass ihnen Kontrolle aller Arbeitsabläufe wichtig ist. Schrader und Ade besetzen bis zur kleinste Nebenrollen selbst. "Ich finde beim Casting heraus, ob ich jemandem etwas sagen kann", sagt Ade. Beide wollen auch wissen, welche Techniker an ihrem Drehort mitarbeiten, weil ihnen die Arbeitsatmosphäre wichtig ist. "Es genügt ja, dass einer, der den Ton angelt, beim zehnten Take die Augen verdreht", sagt Maria Schrader.

Selbstzweifel und Perfektionismus

Auch Autorität am Set ist für Regisseurinnen ein Thema. Als erfahrene Schauspielerin hatte Maria Schrader vor ihrem ersten Film gedacht, dass technische Fragen sie am meisten herausfordern würden. Vor dem Umgang mit den Schauspielern hatte sie keine Angst. Doch beim Dreh zu ihrem Debütfilm "Liebesleben" stieß sie dann auf einen älteren Schauspieler, der ihr "grundsätzlich misstraute", erzählt sie im Werkstattgespräch beim Film- und Kinokongress NRW in Köln. "Ich bin auch bei den Dreharbeiten zu ,Vor der Morgenröte' immer mal wieder an so einen Moment gekommen, da ich mich gefragt habe, ob ich den Schauspielern noch einen Take zumuten kann", so Schrader. Skrupel, die sie bei männlichen Kollegen, mit denen sie selbst als Schauspielerin gearbeitet hat, selten erlebt hat.

Selbstzweifel, Perfektionismus, Sorge um die Atmosphäre beim Dreh - solche Eigenschaften können Regisseurinnen, die Arbeit erschweren, zusätzlich zu systematischen Benachteiligungen gegen die Frauen in allen Berufszweigen kämpfen. Womöglich bringt aber gerade eine andere Arbeitsweise auch andere, intensivere, eigenwillige Werke hervor. Maren Ade und Maria Schrader jedenfalls haben sehr still und sehr entschieden solche Werke vorgelegt. 2016 ist ihr Jahr.

Quelle: RP
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