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Interview mit Julia Jentsch
"Ich hatte Angst vor dieser Rolle"

Julia Jentsch – Schauspielerin, Wahl-Züricherin und Mutter einer Tochter
Julia Jentsch – Schauspielerin, Wahl-Züricherin und Mutter einer Tochter FOTO: dpa, ped kde
Berlin. Julia Jentsch war das deutsche Gesicht der Berlinale 2016. Die 37-Jährige spielt die Hauptrolle im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag: "In 24 Wochen". Von Philipp Holstein

In dem Film geht es um eine Frau, die spät in der Schwangerschaft erfährt, das ihr Kind schwer behindert zu Welt kommen wird. Jentsch lebt inzwischen in der Schweiz - der Liebe wegen. Sie ist selbst Mutter. Wir trafen sie im Hotel "Scandic" am Potsdamer Platz zum Interview.

Wie haben Sie reagiert, als Sie das Drehbuch auf den Tisch bekamen?

Jentsch Ich fand es sehr glaubwürdig und bewegend. Aber es hat mich auch ganz schön runtergezogen. Ich habe mir gesagt: Bevor ich mich entscheide, möchte ich mich die nächsten Monate mit diesem Thema tief beschäftigen. Und als ich dann Anne, die Regisseurin, getroffen und gemerkt habe, wie sie arbeitet, hat mir das sehr gefallen. Ich dachte: Mit ihr auf solch eine Reise zu gehen, dazu hätte ich große Lust.

Wie spielt man sowas als Mutter?

Jentsch Das habe ich mich beim Lesen des Drehbuchs auch gefragt, deshalb hatte ich große Angst, das Angebot anzunehmen.

Die Vorbereitung auf eine solches Projekt ist sicher quälend.

Jentsch Ich fühlte mich wirklich schlecht. Und ich dachte zugleich: Was ist mit dir los, das ist doch dein Beruf, den liebst Du doch. Und es ist doch auch eine tolle Rolle. Es war ein bisschen schizophren. Das Drehbuch lag in meinem Wohnzimmer, und ich musste mich jedes Mal überwinden, es aufzuschlagen. 

Wie war es dann beim Dreh selbst?

Jentsch Die ersten beiden Drehtage war die Stimmung dementsprechend. Jeder hat gedacht, jetzt machen wir einen Film über solch ein ernstes Thema:  Darf man da eigentlich lachen? Es war eine Phase des Abtastens und Kennenlernens. Aber plötzlich fühlte es sich an, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Es waren viele lustige, tolle Menschen am Werk, und das hat die Stimmung so hochgebracht, dass es nur noch darum ging, diese Geschichte zu erzählen. Diese positive Kraft hat mich durch die Dreharbeiten getragen, auch über die aufreibenden Szenen am Ende.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Jentsch Meine Vorbereitung bestand darin, Menschen zu treffen, die Ähnliches erlebt haben wie Astrid. Das war sehr extrem und bewegend, weil diese Menschen mir ihre schlimmsten und intimsten Erlebnisse erzählt haben. Zugleich war diese Offenheit auch ein großes Geschenk. Und, was mich verblüfft hat: Als ich im Bekanntenkreis erzählte, was ich für einen Film ich mache, begannen überraschend viele zu erzählen: Du, das habe ich auch erlebt. Oder: Das ist ja unsere Geschichte! Es betrifft mehr Menschen, als man denkt.

Einige Szenen waren improvisiert, oder?

Jentsch Ja, es gab ein paar Szenen, die komplett improvisiert sind. Und einige, die eine Mischung waren. Die mit den Ärzten etwa. Die Ärzte sind echt, und sie haben so gesprochen, wie sie mit Menschen in einer solchen Situation eben sprechen würden. Wir haben dann darauf mit unseren Texten reagiert. 

Astrid ist Kabarettistin. Sie haben im Film einige Auftritte vor Publikum. War das ungewohnt für Sie?

Jentsch Ich habe einen Riesenrespekt vor diesem Job. Vor dem inneren Motor, das zu machen. Sich selbst lustig zu finden und ganz allein auf der Bühne zu stehen und auch weiterzumachen, wenn das Publikum nicht lacht. Knochenarbeit ist das. Neben der Auseinandersetzung mit dem Thema an sich war das die andere große Herausforderung bei der Vorbereitung. Aber Anne  hat gesagt, Du stellst Dich einfach bei Kabarettveranstaltungen auf die Bühne, und dann übst Du das. Ich habe das gemacht, und es war furchtbar. Ich habe dadurch die Kabarettistin Lisa Feller kennengelernt, die hat mir eine Art Crashkurs gegeben, damit glaubhaft ist, was ich im Film mache. Sie hat mir Ideen gegeben und an meinen Texten mitgearbeitet und gefeilt. Ich war am Ende stolz auf mich selbst, dass ich das gemacht habe. 

Welche Filme mögen Sie selbst gerne?

Jentsch Zuletzt euphorisiert hat mich der südamerikanische Film "Der Schamane und die Schlange".

Quelle: RP
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