62. Filmfestspiele in Berlin: Berlinale endet mit Überraschungen
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 18.02.2012 - 21:37Berlin (RPO). Die Berlinale-Jury hat ihre Preise vergeben. Der deutsche Favorit Christian Petzold wurde als bester Regisseur ausgezeichnet, doch der Goldene Bär geht nach Italien.
Da sind der Berlinale-Jury am Ende doch noch einige Überraschungen gelungen - wenn auch nicht nur positive. Den Goldenen Bären hat sie an das Theater-Gefängnisdrama "Cäsar muss sterben" von den italienischen Brüdern Paolo und Vittorio Taviani gegeben. Das war nicht zu erwarten, denn der Film ist ein eher sperriges Werk über Sträflinge in einem Hochsicherheitsgefängnis in Rom, die Shakespeares "Julius Cäsar" einstudieren.
Den Brüdern Taviani gelingt es zwar, spürbar zu machen, dass Shakespeares Worte über Loyalität, Tyrannei, Rache mit dem Leben der Sträflinge - ihren Taten und ihrem Gefägnisalltag - zu tun haben. Es ist ein rechtschaffender Film, der Partei nimmt für die Weggesperrten, die in der Kunst ihre Würde behaupten. Doch zugleich wirkt der Film auch bieder, zu gut gemeint. Es ist das Spätwerk von zwei Regisseuren, die Ende der 70er Jahre wichtige politische Filme gedreht haben. "Die Wiese" etwa mit Isabella Rosselini. Doch damit hat die Jury das Kino von gestern ausgezeichnet. Eine weise Entscheidung war das nicht.
Dabei hätte sie bei der 62. Berlinale viele Möglichkeiten gehabt, politische und zugleich ästhetisch fortschrittliche Filme zu prämieren. Einem davon hat sie immerhin den Großen Preis der Jury zugedacht: Bence Fliegaufs "Just the Wind". Der erzählt in harten, ernsten Bildern von einem Tag im Leben einer Roma-Familie in Ungarn. Rassisten haben bereits zwei Familien in der Nachbarschaft ermordet. Nun lastet auf den anderen Familien die nackte Angst, sie könnten als nächstes dran sein. Der Film hat ein politisches Anliegen, ist ein Plädoyer gegen Demütigung und Gewalt gegen Minderheiten, und ist doch niemals verfilmte Parole. Dieser Film wäre ein würdiger Goldener Bären-Preisträger gewesen. Und Berlin hätte seinen Ruf als das Entdecker-Festival für politisches Autorenkino weiter gefestigt. Doch die Jury ist nun mal unabhängig von der Berlinale. Jurypräsident Mike Leigh hat wohl das offensichtliche Anliegen im Film der Taviani-Brüder gefallen, für die Würde von Häftlingen einzutreten. Leider hat das den Sieg des viel fortschrittlicheren Fliegauf-Films verhindert. Es war jedenfalls bezeichnend, dass die Taviani-Brüder sich in Berlin dafür bedankten, dass ausgerechent diese Jury eingesetzt worden sei.
Überraschend auch, dass der brave dänische Kostümfilm "Eine königliche Affäre" gleich zwei silberne Bären abstauben konnte. Hauptdarsteller Mikkel Boe Folsgaard in der Rolle des verrückten König Christian VII. macht seine Sache zwar hübsch irre, aber seine Leistung ragt nicht heraus. Und auch den Silbernen Bären für das beste Drehbuch hat der Film nicht verdient, denn er erzählt stringent und klug, aber nicht außergewöhnlich. Wie viel spannender wäre es gewesen, etwa den Darstellerpreis an den jungen Darsteller Kacey Mottet Klein aus dem französisch-schweizerischen Film "Sister" zu geben. Der spielt ein Kind am Rande der Gesellschaft, das in den Alpen bei den Schönen und Reichen Ski-Ausrüstungen stiehlt, um den Unterhalt für seine zerrütete Restfamilie aufzubringen. Der Junge spielt das wahrhaftig, mit einer ungeheuer anrührenden Mischung aus Abgebrühtheit und kindlicher Liebessehnsucht. Nur ein Beispiel für eine Schauspielerleistung, die über das hinausgeht, was man in einem konventionellen Kostümfilm zeigen kann. Immerhin hat "Sister" eine lobende Anerkennung bekommen, die Jury hat also immerhin Bauchschmerzen damit gehabt, diesen Film ganz leer ausgehen zu lassen.
Auch die Auszeichnung für die erst 15 Jahre alte Kongolesin Rachel Mwanza ist wohl eher eine politische Entscheidung der Jury gewesen. Denn das frühere Straßenkind spielt in "Rebelle" eine Kindersoldatin, die durch die Hölle geht, aber die Hoffnung nie aufgibt, in ein anderes Leben zurückzukehren. Der Film gewährt ihr wenige glückliche Momente. Das hebt ihn ab, von anderen Filmen zu Thema. Doch es ist nicht so sehr das schauspielerische Können der Laiendarstellerin, das ihr nun den Silbernen Bären eingebracht hat. Der Preis ist wohl eher eine Geste an Menschen wie sie, die auf einem vergessenen Kontinent kein erfülltes Leben leben können.
Freuen darf sich aber Christian Petzold. Er wurde zu Recht fast die gesamte Berlinale lang als Favorit gehandelt. Er hat den Silbernen Bären als bester Regisseur verdient. Man hätte ihm auch den Goldenen Bären gegönnt, aber tatsächlich ist es vor allem eine Regieleistung, dass das DDR-Drama "Barbara" im Ton, in der zwischenmenschlichen Atmosphäre so überzeugt. Also darf sich die deutsche Filmszene mit Petzold immerhin über eine wichtige Auszeichnung bei dieser Berlinale freuen. Drei deutsche Filme waren zu sehen, zweit konnten überzeugen, einer bekam nun einen Preis. Das ist eine gute Bilanz. Petzold sollte allerdings noch ein wenig an seinen Danksagungs-Auftritten feilen. Er ist ganz sicher ein bescheidener Typ, der auf der Bühne nicht viele Worte machen wollte. Doch konnte man ihm dann auch die Freude nicht so richtig ansehen. Immerhin hat er den Zuschauern eine weitere Ich-danke-meinen-Produzenten-Litanei erspart.
Wie man sich wirklich freut, das hat Rachel Mwanza bei der Berlinale-Gala vorgemacht. Die schlug sichtlich erschüttert die Hände vors Gesicht, als ihre Sitznachbarn ihr klar machten, dass tatsächlich sie gemeint war für den Silbernen Darstellerinnen-Bär. Am Mikrofon sagte sie dann immer wieder Danke, auf Französisch, auf Englisch. Da konnte man jene Überwältigung erleben, die mancher Hollywood-Star nur noch heucheln kann. Die Jury der 62. Berlinale hat ihre Preise zum Teil mehr nach politischen, denn nach künstlerischen Kriterien vergeben. Im Fall von Rachel Mwanza geht das in Ordnung.
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