| 11.11 Uhr

Berlinale 2018
Goldener Bär für einen Experimentalfilm über Sex und Körper

Fotos: Das sind die Gewinner der Berlinale 2018
Fotos: Das sind die Gewinner der Berlinale 2018 FOTO: rtr, SZ
Die 68. Berlinale hatte viele starke Momente, aber keinen echten Favoriten. Das spiegelt sich in der Entscheidung der Jury unter Tom Tykwer für einen Außenseiterfilm, der gar nicht so experimentell ist, wie er vorgibt.  Von Dorothee Krings, Berlin

Warum hast Du mich nie gefragt, worum es in diesem Film geht? Diese Frage stellt die rumänische Künstlerin Adina Pintilie an den Anfang ihres Films "Touch Me Not". Zu intim, soll die Antwort des Zuschauers wohl lauten, denn bald wird er Menschen kennen lernen, die über ihre Körper sprechen und über Sexualität, über Lust und Angst, über Scham und Begierde. Es werden ungewöhnliche Menschen darunter sein, einer, der seit seiner Jugend keine Haare mehr am Körper hat und lernen musste, das nicht als Makel zu sehen. Wie die anderen. Oder einer, der einen kleinen Körper hat, der seitlich neben ihm ruht, wenn er nicht im Rollstuhl sitzt. Und sehr schöne Augen. Und eine frappierend ehrliche Art, über seine Sexualität zu sprechen.

Dieser Arbeit hat die Jury der 68. Berlinale den Goldenen Bären als bester Film verliehen. Eine eigenwillige Entscheidung, denn der Film ist zwar berührend in seiner Offenheit und  Direktheit, die nichts Anmaßendes oder Obszönes hat, sondern etwas Zärtliches. Doch sollte das wohl bei jeder besseren Doku über ein sensibles Thema so sein. Inhaltlich wie ästhetisch zeigt "Touch Me Not" in Wahrheit nichts Neues, auch wenn die Filmemacherin in einer Sequenz die Kamera dreht und über eigene Ängste spricht. Experimenteller wird es in dem als Experimentalfilm deklarierten Werk nicht. Es gibt also Rätsel auf, was die Jury an diesem zwischen Doku und therapeutischen Gesprächen changierenden Film derart fasziniert hat. Zumal Jury-Präsident Tom Tykwer bei der Abschlussgala der Filmfestspiele am Samstagabend in Berlin noch verkündet hatte, die Entscheidung werde ein Zeichen dafür sein, wohin sich der Film entwickeln könnte. Ja, wohin? Mehr Doku, mehr Therapiezimmer, mehr künstlerische Pose der Filmemacher?

Die Silbernen Bären fanden nachvollziehbarere Besitzer: Der große Preis der Jury ging an die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska, die mit "Twarz" einen kritisch-komischen Film über Borniertheit, geistige Enge, aber auch Warmherzigkeit der Menschen auf dem Land gedreht hat. Der Amerikaner Wes Anderson wurde für seinen traurig-verspielten, technisch höchst anspruchsvollen Animationsfilm "Isle of Dogs" als bester Regisseur ausgezeichnet. Die wundervolle Ana Brun aus Paraguay bekam den Bären als beste Darstellerin. Sie spielt in "Las herederas" eine ältere Frau aus der Oberschicht, die ihren wirtschaftlichen Absturz als Befreiung erlebt. Dazu bekam der mit Deutschland koproduzierte Film von Marcelo Martinessi auch den Alfred-Bauer-Sonderpreis. Der junge Franzose Anthony Bajon wurde als bester Hauptdarsteller geehrt für seine feinfühlige Darstellung eines Drogensüchtigen, der zum Glauben findet. Das kritische russische Drama "Dovlatov" wurde über den Silbernen Bären für die Ausstattung auch als ästhetisch reizvolles Werk geehrt. Dass die Autoren des mexikanischen Schelmenkrimis "Museo" als beste Drehbuchschreiber hervorgehoben wurden, ist dann wieder eher rätselhaft. 

Eine Berlinale mit vielen berührenden Momenten, starken Schauspielern, vielfältigen Geschichten ging damit zu Ende. Allerdings auch eine, der überragende Filme fehlten. Auch dafür steht in diesem Jahr der Goldene Bär. 

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Berlinale 2018: Goldener Bär für „Touch Me Not“


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.