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59. Filmfestspiele: Berlinale im Zeichen der Krise

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 06.02.2009 - 09:56

Berlin (RP). Die 59. Internationalen Filmfestspiele von Berlin wurden mit Tom Tykwers "The International" eröffnet – ein Actionfilm zur Finanzkrise. Auch sonst regiert auf der Berlinale die Skepsis: Manche Gala soll wohltätigen Zwecken dienen, die große "Peoples Night" wurde ganz abgesagt.

Der Tag beginnt mit einer Schusswunde. Im Eröffnungsfilm der Berlinale wird der von Hollywood-Star Clive Owen gespielte Ermittler verletzt, und es tut doppelt weh zu sehen, wie die Bluttropfen aus seiner Haut perlen. Denn der deutsche Regisseur Tom Tykwer hat ihn als einen von uns angelegt: als Verlorenen in einem System, das nicht mehr zu überschauen ist.

Dieser Mann hätte so gern, dass alles gut ist und gerecht, er möchte jemanden nehmen und schütteln und wie in Actionfilmen von früher die Bösen verhauen. Nur kommt er gar nicht an sie heran, die heimlichen Herrscher der Welt sitzen hinter Glas in gewaltigen Konzernzentralen, aber das Glas lässt keine Durchsicht zu, es spiegelt, und das Ende ist ein bisschen wie bei Kafka.

Inspiriert von Andreas Gursky

Am Donnerstag wurde das größte Publikumsfestival der Welt eröffnet. Die Berlinale ist im Vergleich zu Venedig und Cannes die politische Veranstaltung, und den Anfang machte eine Produktion, die zeigt, dass die Globalisierung und ihre Folgen im Kino angekommen sind. "The Internatonal" heißt der Film zur Stunde, Festspiel-Chef Dieter Kosslick will ihn gar als "Dokumentarfilm" verstanden wissen, weil er so wahrhaftig sei. Es geht in dem Action-Thriller um eine in Kriegsgeschäfte verwickelte Großbank, um eine Krise, die wenige ausgelöst haben und alle betrifft. Tykwer gelingt ein spannender Film, der zeigt, wie schwierig es ist, Haltung zu bewahren. Er packt einen auf eine ganz neue Art, durch seinen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart nämlich, durch die Art, wie er die Verhältnisse ins Bild setzt. Tykwer hat sich von den großformatigen Arbeiten des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gursky inspirieren lassen. Das Kapital regiert auf zum Panorama geweiteten Plätzen, der Mensch verschwindet dort, er kommt nicht an. Man sieht mit geballter Faust zu, und wenn der Abspann läuft, dann denkt man: Verdammt!

Unverständlich ist indes, warum "The International" im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft. Nimmt man der Jury unter Vorsitz der faszinierenden Schauspielerinnen-Persönlichkeit Tilda Swinton doch die Möglichkeit, eine Arbeit auszuzeichnen, die engagiert ist und in Thema und Form dennoch den Massengeschmack bedient. Das war in den letzten Jahren nämlich allzu oft das Problem in Berlin: Es gewannen Filme wie "Esmas Geheimnis" und "Tuyas Hochzeit", die nach dem Kinostart kaum Zuschauer locken oder gar im Nachtprogramm von Arte zum ersten Mal öffentlich zu sehen sind.

Nichtsdestotrotz darf man auf die Entscheidung der Jury gespannt sein. Sie ist neben Tilda Swinton mit dem Regisseur Christoph Schlingensief, dem chinesischen Filmemacher Wayne Wang, Autor Henning Mankell und der Ernährungs-Aktivistin Alice Waters diskussionsfreudig besetzt.

Bei der Vorstellung gab man sich denn auch kämpferisch. Mankell sagte, die globale Rezession treffe vor allem die Ärmsten der Armen, und keiner kümmere sich um sie. Und Tilda Swinton hob bei der Frage, wie die Finanzkrise das Kino verändern werde, zu einem Plädoyer gegen den Gaza-Krieg an. Bei allem Respekt vor den Meinungen der Versammelten klang die Kritik arg universell, von oben herab und gerade bei Mankell ein bisschen wohlfeil. Einzig Christoph Schlingensief argumentierte konkret, menschlich geradezu. Er könne noch immer nicht fassen, dass ein paar Leute weltweit eine Krise solchen Ausmaßes so lange verheimlicht haben, sagte er. Aber das zeige, dass man sich nicht dirigieren lassen dürfe, sondern – gerade auch im Bezug auf filmisches Arbeiten - selber gestalten solle.

Wie eine Ermutigung liest sich da das Programm der Berlinale. Junge Künstler bemühen sich bereits mit Nachdruck, das Jetzt ins Bild zu bringen. Einen stärkeren Gegenwartsbezug kann Kunst kaum haben. Es geht in den Beiträgen der verschiedenen Programmreihen um Neoliberalismus, Welthunger, Privatwirtschaft, Flüchtlingselend, Korruption und Krieg. Stets steht dabei der Einzelne im Vordergrund, die Globalisierung bekommt ein Gesicht. Die Londoner Anschläge von 2005 sind Thema eines Spielfilms, das UN-Tribunal in den Haag und die Rückkehr einer Soldatin von der Front. Dabei fällt auf, dass der folkloristische Aspekt des internationalen Kinos verloren geht. Selbst regional verbundene Autorenfilmer wie die alten Griechen Theo Angelopoulos und Constantin Costa-Gavras drehen auf Englisch. Sogar die mit fünf Wettbewerbsbeiträgen stark vertretenen Deutschen wie Tykwer und Hans-Christian Schmid lassen die globale Stammessprache sprechen.

Die Krise ist also auf der Berlinale angekommen, zum Glück nicht in puncto Qualität, aber thematisch und gesellschaftlich. Einige Partyveranstalter widmen ihre Festivitäten um, sammeln für den guten Zweck, Charity-Gala nennt man das. Sponsor Volkswagen verzichtet komplett auf die "People's Night", die sonst als erstes Schaulaufen nach der Eröffnung galt. Man wolle sich aufs Wesentliche konzentrieren, heißt es, Filme fördern etwa. Die Finanzierung der Berlinale selbst sei indes nicht in Gefahr.

So bleibt der starke Eindruck: Das Medium Film ist die Kunstform mit dem stärksten Gegenwartsbezug. Aber Zuschauen allein genügt nicht.

Quelle: RP

 
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