Berlinale 2010: Buhrufe für "Jud Süß – Film ohne Gewissen"
VON PETER BEDDIES - zuletzt aktualisiert: 19.02.2010 - 10:07(RP). Die deutschen Journalisten gehen nicht immer fair mit Berlinale-Wettbewerbs-Beiträgen aus dem eigenen Land um. Manchmal sind sie überkritisch und müssen Monate später, wenn der Film regulär ins Kino kommt, erkennen, dass das Werk doch ganz gut ist. Bei Oskar Roehler, sollte er den Film nicht noch einmal dramatisch umschneiden, wird dies mit Sicherheit nicht geschehen. Als gestern Nachmittag nach zwei Stunden im Berlinale-Palast das Licht wieder anging, erscholl ein Buh-Chor, wie es ihn lange nicht mehr nach einem deutschen Wettbewerbsfilm gegeben hat.
Jedes dieser Buhs hat sich Oskar Roehler verdient. Und wenn der Film im Herbst ins Kino kommt, wird die Reaktion sicher nicht anders ausfallen.
Was hatte Roehler, der zuletzt mit "Elementarteilchen" auf der Berlinale für gepflegte Langeweile sorgte, früher jedoch zum Beispiel mit "Die Unberührbare" auch mal richtig gute Film machte, was hatte dieser Oskar Roehler eigentlich vor? Er wollte sich mit einem der übelsten filmischen Machwerke der Nazis, "Jud Süß", auseinandersetzen.
Wie es zu diesem Film kam, wie er gedreht wurde, welchen Einfluss Minister Goebbels hatte und welche Auswirkungen der Film auf die Karriere des Schauspielers Ferdinand Marian hatte, der Jud Süß verkörperte. Oder mit dem Worten von Roehler gestern bei der Pressekonferenz, auf der er ebenfalls ausgebuht wurde: "Wir machen Spiel-, nicht Dokumentarfilme. Wir erzählen Emotionen. Das ist unser Beruf. Wenn wir einen Film machen, der "Jud Süß" heißt, ist unser größtes Anliegen, dem Zuschauer nahe zu bringen, welche Wirkung das Original hatte."
Das größte Problem dieses Films aber ist, dass der Zuschauer, der über die zwei Stunden hinweg auch nicht wirklich gut unterhalten wird, gar nicht weiß, von welchem Original Roehler spricht. Welches Original er kennt und welches er uns zeigt. Denn bei "Jud Süß – Film ohne Gewissen" kann man nicht sicher sein, auf welche Aussage man sich wirklich verlassen kann.
So hat Ferdinand Marian – Tobias Moretti ist mit der Rolle überfordert und spielt nicht differenziert genug – im Film eine jüdische Ehefrau. Aus dieser Beziehung ergeben sich etliche Konflikte, die im Film reichlich bebildert werden. Aber Marian hatte keine jüdische Ehefrau. Oskar Roehler nennt das "eine dramatische Verdichtung, nicht beliebig, sondern einer Logik der Zuspitzung" folgend. Aber an welcher Stelle fängt der Filmemacher an zu verdichten und wo hört er auf?
Moritz Bleibtreu, der im Film Joseph Goebbels mit viel Spaß an der derben Parodie gibt, meinte gestern, es müsse erlaubt sein, wenn "in einem Film Adolf Hitler in einem Kino in die Luft fliegt", dass "wir Deutschen auf eine spielerische Art damit umgehen, uns von der Vergangenheit zu lösen, aber nicht zu vergessen".
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