Besuch auf der Berlinale: Den Sieger habe ich schon gesehen
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 13.02.2011 - 17:12Berlin (RP). Wer im Kino stark mitleidet, hat es auf der Berlinale schwer. Dort sieht man am Sonntagnachmittag zur besten Familienkaffee-Zeit Filme wie "The Brownian Movement" mit Sandra Hüller. Es geht um eine Frau, die glücklich verheiratet ist, ein Kind hat und einen guten Job als Ärztin. Dennoch mietet sie ein Zimmer, und dort empfängt sie Männer, ältere und auffallend stark behaarte und korpulente, und sie schläft mit ihnen.
Der erste Teil dokumentiert diese Auschweifungen detailliert, der zweite zeigt zumeist das Gesicht von Sandra Hüller bei der Therapeutin, Tränen purzeln aus den Augen. Als der Film vorbei ist, sitzt man beklommen da und hört die anderen Zuschauer erleichtert seufzen.
Man ist dann froh, wenn man im "Billy Wilder's", dem Bistro neben der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz Szenen erlebt wie jene am Samstagvormittag: Bruno Ganz war da, alleine, er hatte eine gewaltige schwarze Tasche bei sich, er trug sie über der Schulter, und sie reichte von der Achsel bis beinahe ans Knie.
Bruno Ganz erhob sich von seinem Stuhl an der Theke, alle sahen ihn an, er trug diese Tasche zur Tür, er sah zu Boden, allmählich öffnete er die Tür und ging zögerlich hinaus. Ein Schauspiel zum Kaffee zwischendurch.
Auch amüsant: Der Schauspieler Peter Lohmeyer wollte gestern ins Hyatt in die BMW-Lounge. Er kam aber nicht hinein, weil er offenbar keine Akkreditierung hatte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, Lohmeyer blieb sehr nett, der Sicherheitsmann, sehr streng. Dann kam eine Dame aus der Lounge gestürmt, "das ist doch der Peter, den muss man überall einlassen", und dann klappte es.
Diese verblüfften Gesichter sind ein Highlight
Mein Berlinale-Höhepunkt bisher sind die Gesichter von Jeremy Irons und Kevin Spacey in der Pressekonferenz zu ihrem Film "Margin Call". Es stirbt zwar ein Hund in dieser Geschichte, aber anonsten geht es ausschließlich um die Finanzkrise. Eine kanadische Journalistin stand in der Pressekonferenz dennoch auf und sagte: "Der Film erinnerte mich an die Beerdigung meines Vaters." Irons und Spacey konnten nichts dazu sagen, sie schauten bloß.
Den Sieger des Goldenen Bären habe ich übrigens schon gesehen, davon bin ich überzeugt. Die argentinische Produktion "El Premio" ist der typische
Berlinale-Siegerfilm: In endlosen Einstellungen erzählt er die Geschichte eines Mädchens und seiner Mutter, die sich in einer Hütte am Strand verschanzt haben. Das Mädchen geht in die Schule, es ist die Zeit der argentinischen Diktatur, und allmählich spüren Mutter und Tochter das autoritäre System sogar in ihrem Rückzugsort. Die Regisseurin Paula Markovitch zeigt am Strand spielende Kinder, sie tollen herum - das symbolisiert die Unschuld der Jugend.
Man hat das schnell begriffen, aber Markovitch lässt die Kinder nochmal am Strand tollen, nun länger, dann in einer Runie spielen und weitere unschuldige Dinge tun. Es ist alles ein bisschen zu viel und zu langsam, kommt hier aber sicher gut an.
Erste Buhrufe
Erstmals Buhrufe in einer Pressevorführung gab es gestern, für "Schlafkrankheit" von Ulrich Köhler. Ich mag die zwei Vorgängerfilme des Regisseurs, "Bungalow" mit Devid Striesow und "Morgen kommen die Fenster", aber dieses Werk habe ich nicht begriffen. Es geht um einen deutschen Arzt in Afrika, seine Familie fährt heim, er bleibt und nimmt sich eine afrikanische Frau, sie bekommt ein Kind, er sieht die deutsche Familie drei Jahre nicht. Köhler dekonstruiert die Geschichte, er zerhackt sie und bietet sie als Schnipsel an, langsame Einstellungen, wenige Worte. Ließ mich kalt.
Filme, die mir gefielen: "True Grit", "Margin Call", "Wilde Erdbeeren", "Offside", "Tales Of The Night", "Almanya - Willkommen in Deutschland", "Pina". Filme, die mir nicht gefielen: "Schlafkrankheit", "The Brownian Movement", "Yelling To The Sky", "El Premio".
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