"Rage" bei der Berlinale: "Ich bin nur nicht früher gegangen, weil ich in der Mitte saß"
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 08.02.2009 - 11:57Berlin (RPO). Die letzte Vorstellung an jedem Berlinale-Tag beginnt um 21.30 Uhr, da sind alle schon ein bisschen gaga. Am Samstag gab es "Rage" von Sally Potter, der "Orlando"-Regisseurin. Das ist ein Kunstfilm, der sich als Dokumentation eines Schülers zum Thema Mode tarnt. Die Begeisterung im Publikum hielt sich in Grenzen.
Der Film besteht ausschließlich aus Interviews, die vor einfarbigem Hintergrund geführt werden. Die Lady vom Verleih wünschte übers Mikrofon „eine gute Projektion“. Das war schon komisch, darüber dachte ich lange nach.
In „Rage“ treten nacheinander der Designer auf, Models, der Pressechef des Modelabels, der Investor, die Modekritikerin, der Bodyguard des Investors etc. Sie vertrauen sich dem jugendlichen Filmer mit seiner Handykamera an und entlarven das eigene Geschäft als Jahrmarkt der Eitelkeiten. Der Film ist prominent besetzt, Steve Buscemi macht mit, Judy Dench und Lily Cole sind dabei. Bemerkenswert ist der Auftritt von Jude Law als transsexuelles Model Minx. Wer nicht weiß, dass dieser Schauspieler in der Maske steckt, wird es nicht bemerken.
Der Film ist ein Experiment, er erprobt neue Formen des Erzählens, aber er ist auch ein bisschen anstrengend. Ich war der einzige, der ihn dennoch mochte, sogar spannend fand. Vielleicht verging mir die Zeit aber auch nur deshalb so schnell, weil ich über gute Projektionen philosophierte. Eigentlich ein netter Wunsch: „gute Projektion“.
Bereits nach 15 Minuten verließen die Kollegen reihenweise den Saal. Der Schüler, der laut Fabel diese Interviews filmt, stellt abends sein Material ins Internet. Er moderiert es an, schreibt „Tag 1“, „Tag 2“ und so. Als der Schriftzug „Mein letzter Tag“ auf der Leinwand erscheint, klatschen die meisten im Saal und pfeifen.
Beim Rausgehen hörte ich Sprüche wie „Jetzt hat die Berlinale doch noch einen schlechten Film“ und „Ich bin nur nicht früher gegangen, weil ich in der Mitte saß“ und „Der ist hier nur zu sehen, wie sie hoffen, dass Jude Law auf den Roten Teppich kommt“.
Ganz anders die Reaktionen am Mittag, als „Sturm“ von Hans-Christian Schmid („Nach 5 im Urwald“, „Lichter“) gezeigt wurde. Müsste ich mich jetzt festlegen, würde ich sagen: Das isser, der Gewinner des Goldenen Bären. Es gab viel Applaus, als der Abspann begann. Schmid erzählt von Hannah Maynard, Anklägerin vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie will den ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Befreiungsarmee verurteilen. Und sie findet eine Zeugin, die gegen ihn aussagt. Dennoch scheitert sie – an den Umständen. Ein sehr guter, engagierter Film, der über zwei Stunden hochspannend ist.
Das wäre ein passender Sieger der Berlinale, und er wäre populärer als viele vorangegangenen Preisträger.
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