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Julia Jentsch
Das deutsche Gesicht der Berlinale

Julia Jentsch – Schauspielerin, Wahl-Züricherin und Mutter einer Tochter
Julia Jentsch – Schauspielerin, Wahl-Züricherin und Mutter einer Tochter FOTO: dpa, ped kde
Berlin. Die 37-Jährige gilt als Anwärterin auf den Silbernen Bären. Es wäre bereits ihr zweiter. Wir haben eine gut gelaunte Julia Jentsch auf der Berlinale getroffen. Von Philipp Holstein

Julia Jentsch ist der beste Beweis dafür, dass Euphoriehormone stärker sind als Grippeviren. Die 37-Jährige ist schlimm erkältet, die Wangen sehen nach Fieber aus, ihre Stimme erinnert in den Tiefen an Tina Turner. Dennoch ist sie bestens aufgelegt, erhöhte Betriebstemperatur. Ihr Wettbewerbsfilm "24 Wochen" hat gute Besprechungen bekommen, und Jentsch gilt unter Beobachtern der Berlinale als Kandidatin für den Silbernen Bären. Es wäre ihr zweiter, bereits 2005 wurde sie in Berlin geehrt, für die Rolle der Sophie Scholl.

Das Zimmer von Julia Jentsch im Hotel "Scandic" heißt "Birke"

Jentsch sitzt also im Hotel "Scandic" hinter dem Potsdamer Platz, wo jedes Zimmer nach Baumarten benannt ist. Jentschs Zimmer heißt "Birke", darin liegt ein Teppich mit Eichenblatt-Muster, aber niemand stört sich daran. Sie trinkt Tee, trägt eine schwarze, gemütlich aussehende lange Strickjacke und ein weinrotes T-Shirt. Sie spielte im Kino die Effi Briest, in den Münchner Kammerspielen die Antigone und im Fernsehen in "Kommissar Marthaler". Man hat dann einige Zeit nicht so viel von ihr gehört, und das hatte einen sympathischen und total nachvollziehbaren Grund: Julia Jentsch verliebte sich, heiratete, zog in die Schweiz und bekam ein Kind. Babypause sozusagen, jedes Jahr nur ein Film, die Familie hatte Vorrang.

In "24 Wochen" geht es auch um Familie. Jentsch ist eine Frau, die spät in der Schwangerschaft erfährt, dass ihr Kind schwer krank ist, und jetzt muss sie entscheiden, ob sie das Kind bekommt. Sie habe ein bisschen Angst gehabt, das Angebot anzunehmen, erzählt sie, die Geschichte sei sehr belastend, für eine Mutter zumal. Am Set habe sie gespürt, das es allen Kollegen so ging. Es war, als hätte sich jeder gefragt: Wenn man einen Film über solch ein Thema macht, darf man dabei eigentlich lachen? Durfte man aber, irgendwann wurde ein Schalter umgelegt, und nach allem, was Jentsch erzählt, herrschte eine Stimmung wie beim Ausflug mit Freunden.

Schauspielerin redet viel mit ihren Händen

Das lange Haar legt sie sich über die rechte Schulter, sie redet viel mit den Händen, und auffällig sind die breiten goldenen Ringe an ihrer linken Hand. Wenn sie nachdenkt, stützt sie das Kinn mit Zeigefinger und Daumen. Sie wurde 1978 im Berliner Westend geboren, und statt "Mischung" sagt sie "Müschung".

Zur Vorbereitung auf ihre Rolle hat Jentsch Menschen getroffen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befanden wie ihre Figur, das sei bewegend gewesen. Und als sie im Bekanntenkreis erzählt habe, welchen Film sie drehe, berichteten verblüffend viele von ähnlichen Erfahrungen. Der Filme gehe mehr Menschen an, als man denkt, sagt sie.

Julia Jentsch macht aus Rolle keinen Schrei-Auftritt

Viel ist improvisiert in dem Film, das erhöht die Authentizität, und das Schöne ist, dass Jentsch aus ihrer Rolle keinen Schrei-Auftritt macht, sondern leise spielt und dadurch viel intensiver und berührender. Sie legt sich eine Hand an die Stirn, als wolle sie fühlen, ob sie Fieber hat. Manchmal lacht sie kratzig, und man ahnt, dass das schmerzhaft sein muss im Hals.

Am Samstag ist Preisvergabe in Berlin. Könnte sein, dass es Julia Jentsch danach viel besser geht.

Quelle: RP
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