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Meryl Streep
Mamma Mia!

Berlin. Meryl Streep ist die beliebteste Schauspielerin der Welt. Die 66-Jährige arbeitete in den vergangenen zehn Tagen in Berlin. Eine Nahaufnahme. Von Philipp Holstein

Meryl Streep steht auf der Bühne des Berliner Hebbeltheaters, sie führt ein Stück mit dem Titel "Meryl Streep" auf, und für diese Haupt- und Titelrolle hätte sie einen weiteren Oscar verdient. "Masterclass" heißt die Veranstaltung, im Zuschauerraum sitzen vor allem Filmschüler, es sind ein paar hundert Menschen da. Sie sollen etwas lernen, also erzählt Streep aus ihrem Leben, Anekdoten aus dem Inneren der Traumfabrik.

Und als sie sagt, dass sich etwas ändern müsse, dass nicht länger ausschließlich 50 Jahre alte weiße Männern über Drehbücher und Filmstoffe entscheiden sollten, sondern viel stärker auch Frauen, denn nur so werde es künftig mehr hochwertige Filme für Frauen geben, applaudiert die Menge heftig. Streep lächelt mit dem Charme einer Boa Constrictor, bevor sie anfügt, dass sie sich von Männern im Filmbusiness nur einmal etwas abgeguckt habe: bei der Vorbereitung auf die Rolle der fiesen Chefredakteurin Miranda Priestly in "Der Teufel trägt Prada".

Nie war sie populärer

Meryl Streep ist in Berlin, seit zehn Tagen schon, sie führt die Jury an, die bei der Berlinale über die Vergabe der Preise entscheidet, der Goldenen und Silbernen Bären. Streep ist 66 Jahre alt, sie ist die beliebteste Schauspielerin der Welt, nie war sie populärer als heute.

Drei Oscars, 19 Nominierungen, es ist unglaublich. Und wenn man sie aus der Nähe betrachtet, über diesen langen Zeitraum hinweg, dann begreift man die Faszination für diese Frau besser, dann steht einem deutlicher vor Augen, dass da jemand seit einiger Zeit nicht mehr nur für seine Rollen ins Herz geschlossen wird, sondern auch für den Charakter, den Streep im Leben durch Biografie und Bestimmung erworben hat.

Eine andere Berlinale-Szene ist bezeichnend dafür. Da sitzt Streep im Kino, es läuft "L'avenir", ein Film mit Isabelle Huppert. Die Huppert spielt eine Philosophielehrerin, die von ihrem Mann verlassen wird, sie techtelt nun ein bisschen mit einem früheren Schüler, der inzwischen anarchistische Traktate schreibt, aber bevor mehr daraus wird, sagt sie: "Ich bin zu alt für Radikalität." Da lacht Meryl Streep laut auf. Die Amerikanerin hat großen Anteil daran, dass es heute viele Filme mit Hauptrollen für Frauen gibt, die älter als 50 sind. Viel mehr zumindest als noch vor 15 oder 20 Jahren. Damals hätte man einer Schauspielerin zum 40. Geburtstag statt eines Glückwunschartikels auch einen Nachruf schreiben können. Das ist nun nicht mehr so, Reife gilt nicht länger als Fluch, auch dank Meryl Streep. Sie finanziert ein Schreiblabor, in dem an Drehbüchern mit Stoffen für Frauen ab 40 gearbeitet wird. Und die kleine Rolle in ihrem aktuellen Film "Suffragette" hat sie nur übernommen, damit die Produktion über Frauen, die sich im frühen 20. Jahrhundert ihr Wahlrecht erkämpfen, überhaupt realisiert wird: Streep ist das Zugpferd, das die Finanzierung sicherte. Sie ist nicht ein Star, sondern der Star.

Wenig Details aus dem Privatleben

Sie hält ihr Privatleben ziemlich bedeckt. Seit mehr als 35 Jahren ist sie mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet. Das Paar lebt weitab von den Eitelkeiten Hollywoods in Connecticut; es hat einen Sohn und drei Töchter, von denen wiederum zwei ebenfalls Schauspielerinnen geworden sind. In den 70er Jahren war Streep mit dem Kollegen John Cazale verlobt. Sie spielten zusammen in "Die durch die Hölle gehen" (1978), das war Streeps zweiter Kino-Auftritt nach dem Abschluss in Yale - er brachte ihr die erste Oscar-Nominierung ein. Cazale starb kurz nach Ende der Dreharbeiten an Lungenkrebs, und Streep soll ihn bis zum Tod gepflegt haben. Kurz danach spielte sie im Ehedrama "Kramer gegen Kramer" (1979) und gewann dafür ihren ersten Oscar.

Meryl Streep strahlt Humor und Wärme aus, aber auch Pragmatismus. Ihr Gesicht ist voller ungeweckter Energie, die amüsierten Kinderaugen lachen schneller und öfter als ihr Mund. Sie kann sehr gut spöttisch gucken, und manchmal muss sie über sich selbst kichern. Dann unterbricht sie ihren Satz mit einem Hicksen, und da muss man dann auch schmunzeln, weil es so sympathisch ist. Sie ist sehr mächtig, verdient bis zu 14 Millionen Dollar pro Rolle, und sie hat das Recht mitzuentscheiden, welcher Take einer Szene genommen wird: Sie hat die Kontrolle über ihr Bild auf der Leinwand.

Sie ist fast nie in Autorenfilmen aufgetreten, weil sie die Unberechenbarkeit unterfinanzierter Produktionen hasst. Sie mag es präzise, sie arbeitet effizient, weil die Familie in ihrem Leben an erster Stelle steht, wie sie betont. Deshalb macht sie selten mehr als zwei Filme pro Jahr. Bei den Dreharbeiten zu "Jenseits von Afrika" (1985), die sechs Monate dauerten, hatte sie Mann und Kinder dabei. Einmal erst drehte sie in Europa, da lief der Drehplan prompt aus dem Ruder, das wird sie wohl nicht wieder machen.

Sanft und stark zugleich

Streep spielt vor allem Frauen, die sanft und kampfeslustig zugleich sind, die zunächst weich wirken, aber zielstrebig vorgehen. Unheroische Heldinnen. Lange wurde sie zwar bewundert, aber nicht geliebt. Sie galt als verkopft. Die andere Rekord-Schauspielerin, Katherine Hepburn (vier Oscars), warf ihr vor, man sehe auf der Leinwand immerzu, wie es in Streeps Hirn arbeite. Man kann das kaum nachvollziehen, man muss sich nur noch einmal ihre berühmteste Szene ansehen, die hingebungsvolle Haarwäsche in "Jenseits von Afrika". Robert Redford macht das natürlich auch toll, er massiert schön gleichmäßig das Shampoo ein, und Streep öffnet den Mund, nur ganz leicht, und sie schließt die Augen, sie mag sie gar nicht mehr aufmachen, und am Ende ist viel mehr passiert, als die Schaumkronen auf dem ablaufenden Wasser verraten.

Streep wählt stets einen emotionalen Zugang. Empathie, sagt sie in Berlin, sei wichtiger als eine Schauspielausbildung. Was nicht heißt, dass man sich nicht vorbereiten müsste. In "Sophies Entscheidung" (1982) spielt Streep eine junge Frau aus Polen, die Auschwitz überlebt hat. Streep trainierte sich in fünf Monaten einen echten polnischen Akzent an und bewegte die Kiefer so, dass sie die polnischen Diphtonge fehlerfrei aussprechen konnte. Dabei versteht sie ihre Leistung nie als Mimikry, sondern als Neuschöpfung - das gilt sogar für ihre Darstellung der Maggie Thatcher in "Die eiserne Lady" (2011). Es interessiert sie nicht, als personifiziertes Gebärdenmuseum durch einen Kostümfilm zu laufen. Ihre Figuren sind Zeitgenossen und gehören dem Heute an, weil sie von einer heutigen Schauspielerin generiert werden. Streep hat die Gabe, alles in Gegenwart zu verwandeln, denn ihr Spiel entsteht nicht aus Aneignung, sondern aus Lebenserfahrung.

Wasserzeichen der Glaubwürdigkeit

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie dieses enorme Maß an Popularität erst nach ihrem 50. Geburtstag erreicht hat mit Filmen wie "Der Teufel trägt Prada" (2006), dem Abba-Wahnsinn "Mamma Mia!" (2008) und "Julie & Julia" (2009). Ihrem Gesicht hat sich eine Erfahrung eingeschrieben, die durchschimmert, die als eine Art Wasserzeichen Glaubwürdigkeit vermittelt. Etwas Ansteckendes geht von Meryl Streep aus, von ihrem Arbeiten, ihrem Wahrnehmen und Ausdrücken, ihren abweichenden Standpunkten und Anstrengungen, sich in der Gegenwart zu behaupten, und eine Wirkung zu hinterlassen, nicht bloß einen Effekt.

"Du musst Krach schlagen, um am Tisch Platz zu bekommen", sagt sie in Berlin. Als sie 40 wurde, habe sie geglaubt, von nun an jede Rolle annehmen zu müssen, sonst werde sie künftig nurmehr Schreckschrauben und Hexen spielen dürfen. Es kam anders. Und als sie vor zwei Jahren in "Into The Woods" tatsächlich eine Hexe spielte, war das nicht, weil sie musste. Sondern weil sie wollte.

Es muss sich gut anfühlen, Meryl Streep zu sein.

Quelle: RP
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