Berlinale: Pfeiffer – glorreich in Berlin
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 11.02.2009 - 07:31Berlin (RP). Man muss sich die Berlinale als Wüste vorstellen. In den vergangenen zwei, drei Tagen liefen hier viele herum, als hätten sie ungeheuren Durst, überall hängende Köpfe, Dürre. Es war Mitleid erregend. Aber nun geht es wieder, es herrscht eine Stimmung wie in der Oase, endlich besuchte ein Star das Festival, einer aus Hollywood und nicht bloß Daniel Brühl oder Christiane Paul, die sind ja immer da.
Michelle Pfeiffer trat auf. Die 50-Jährige präsentierte ihre Produktion "Chéri" in Schuhen so hoch wie der Eiffelturm, und auch der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris spielende Film ist wirklich schön anzusehen. Sie spielt darin eine nicht mehr ganz junge Kurtisane, die gut lebt von den Zuwendungen der beglückten Honoratioren. Aber ihr passiert das Schlimmste, was in ihrem Job passieren kann: Sie verliebt sich, und zwar in den Sohn einer Kollegin. Sie nennt ihn Chéri, und das passt sehr gut zu dem jungen Adonis mit Wuschelkopf.
Regisseur Stephen Frears ("Gefährliche Liebschaften", "Die Queen") hat einen appetitlichen Film zum Schwelgen gedreht. Um Michelle Pfeiffers Kopf steht stets eine Gloriole, ihre Rolle hat Herz, Esprit, und sie strahlt eine derart verführerische Sinnlichkeit aus, dass man ahnt, woher die Belle Epoque ihren Vornamen hat. Das Beste an "Chéri" sind jedoch die spöttischen Dialoge, sie glänzen vor Eleganz und Schärfe, wie aus der Schule des Oscar Wilde. Kostprobe aus einem Gespräch unter Kurtisanen in Rente: "Sie riecht immer so gut." – "Ja, wenn die Haut nicht mehr straff ist, nimmt sie das Parfüm besser auf." Die Roman-Vorlage stammt von der französischen Autorin Colette, und das ist überhaupt eines der großen Themen der Berlinale: Es gibt neben dem stark vertretenen politischem Kino so viele Roman-Adaptionen und Verfilmungen historischer Stoffe wie selten.
Auch "Die Gräfin", zweite bemerkenswerte Regie der Schauspielerin Julie Delpy (39), gehört in diese Reihe. Sie hat sich einen arg düstere Geschichte ausgesucht: das Leben der Gräfin Erzebet Bathory, die im 16. Jahrhundert Hunderte Jungfrauen getötet haben soll, um an deren Blut zu kommen. Das halte ihre Haut jung für den jugendlichen Geliebten, meinte sie. An diesem brutalen, aber souverän inszenierten und spannenden Gothic-Film kann man beobachten, wie weit verzweigt deutsche Darsteller arbeiten. Daniel Brühl, Sebastian Blomberg, Nikolai Kinski spielen mit.
Das ist denn auch der zweite große Trend: Deutschland ist ein geachtetes Film-Land. Die Wettbewerbsbeiträge "Sturm" von Hans-Christian Schmid über einen Kriegsverbrecher-Prozess vor dem UN-Tribunal und "Alle anderen" von Maren Ade, eine Studie über das Beziehungsleben der Um-die-30-Jährigen, bekamen Applaus und gelten als Mitfavoriten auf den Goldenen Bären. Auch in internationalen Produktionen wirken Deutsche wie selbstverständlich mit, am prominentesten der 18-jährige David Kross in "Der Vorleser".
So kann man ein positives Zwischenfazit vier Tage vor Berlinale-Ende ziehen. Das Niveau der Filme ist hoch, Deutschland präsentiert sich als Kino-Nation, und die Starflaute am Postdamer Platz ist überwunden. Für heute hat sich Demi Moore angesagt.
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