Berlinale 2009: Unsere große Bären-Hoffnung
zuletzt aktualisiert: 08.02.2009 - 22:40Berlin (RPO). Die Berlinale hat einen ersten heißen Bären-Favoriten: Der deutsche Film "Sturm" riss Publikum und Kritik am Wochenende zu Begeisterungsstürmen hin. Auf dem Roten Teppich wurde es hingegen etwas ruhiger. Auch wenn Regisseur Claude Chabrol ausgezeichnet wurde - die Promis aus der Filmwelt schonen sich lieber für den Montagabend.
Bären-Kandidat "Sturm" schildert, wie Staatsanwältin Hannah die in Berlin lebende Bosnierin Mira überzeugt, in Den Haag gegen einen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher auszusagen. Im Spannungsfeld zwischen den Interessen internationaler Politik und den Drohungen bosnisch-serbischer Nationalisten begreift Hannah, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank, sondern auch in den eigenen Reihen zu finden sind. Mira, Mutter eines Sohns, muss dagegen schmerzhaft erfahren, dass ihre Wahrheit vom Tribunal gar nicht gewünscht wird.
Die Berlinale pflegt also ihren traditionellen Ruf, ein politisches Festival zu sein. Regie in der deutschen Bären-Hoffnung führt der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid. Aus dem Kino kennt man ihn durch Filme wie "Nach fünf im Uhrwald", "23", "Crazy" oder "Requiem". Nun zeichnet er in seinem eindringlichen und berührenden Polit-Thriller "Sturm" ein vielschichtiges Bild über die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien.
Seine Intensität verdankt die deutsch-dänisch-niederländische Co-Produktion, die am 10. September in den Kinos starten soll, auch den herausragenden Leistungen der Schauspieler. Kerry Fox brilliert als starke und zugleich menschliche Anklägerin am UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, Anamaria Marinca überzeugt als traumatisiertes Vergewaltigungopfer, Rolf Lassgard als EU-Politiker, der unter anderem für die Integration Bosniens in die Staatengemeinschaft verantwortlich ist.
Große Gala am Montag
Zwar hat die 59. Berlinale nun einen ersten heißen Bären-Anwärter präsentiert, der Glamour-Faktor jedoch sank am Wochenende gen Null. Nachdem am Freitag noch Kate Winslet dem Festival mit ihrem bezaubernden Auftritt eine Sternstunde beschert hatte, wurde es auf dem Roten Teppich deutlich ruhiger. Das könnte sich aber bereits am (morgigen) Montag wieder ändern, wenn Keanu Reeves und Woody Harrelson wie erwartet kommen.
Ein noch größeres Promiaufgebot bietet am selben Abend jedoch die Benefiz-Gala Cinema for Peace: Leonardo DiCaprio, Catherine Deneuve, Ben Kingsley, Christopher Lee, Roger Waters, Bob Geldof und Diane Kruger haben zugesagt. An Polit-Prominenz werden Michail Gorbatschow, Joschka Fischer, Hans-Dietrich Genscher, Sigmar Gabriel, Ulla Schmidt und Heidemarie Wieczorek-Zeul erwartet. Insgesamt sollen 600 Gäste ins Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt kommen.
Am Samstag und Sonntag jedoch war die Berlinale weitgehend starfrei. Zwar wurden Filme mit internationaler Prominenz gezeigt, die zog es offensichtlich jedoch vor, zu Hause zu bleiben. Tommy Lee Jones, der "In the electric mist" einen kompromisslosen Polizisten auf Mörderjagd spielt, kam ebenso wenig wie Judi Dench oder Jude Law, die in Sally Potters Tragikkomödie "Rage" Hauptrollen spielen.
Moderne und coole Teheraner
Für Aufsehen sorgte die iranische Beziehungstragödie "About Elly". Regisseur Asghar Farhadi porträtiert eine Gruppe iranischer Menschen, die einen katastrophalen Kurzurlaub an der Küste verbringen. Farhadi zeigt in seinem knapp zweistündigen Film ein modernes, cooles Iran, das sich auf den ersten Blick kaum vom Westen unterscheidet. Positiv aufgenommen wurde auch Lukas Moodyssons Drama "Mammoth" mit Gael Garcia Bernal über das dramatische Scheitern konträrer Lebensentwürfe.
Amüsant ist Adrian Biniez' Komödie "Gigante" über einen dicken Wachmann, der sich via Überwachungskamera in die Putzfrau eines Supermarkts verliebt. Ärgerlich ist dagegen Sally Potters 99-minütige Tragikkomödie "Rage", der auch Stars wie Dench und Law nicht helfen: In Porträtaufnahmen erzählen verschiedene Protagonisten aus der Modebranche eine abstruse Mordgeschichte. Vorgegeben wird, dass das Ganze von einem Schülerpraktikanten per Handykamera aufgezeichnet wird - eine nette Idee, die aber höchstens 20 Minuten trägt.
Regisseur Claude Chabrol wurde am Sonntagabend mit einer Berlinale Kamera ausgezeichnet. "Ich lehne nie eine Kamera ab", sagte der 78-Jährige und kündigte an, 2010 mit einem neuen Film zur Berlinale zu kommen, den er mit der kleinen silbernen Kamera drehen wolle. Oft genug bekomme man eine Auszeichnung für Talent oder sein Lebenswerk. Das stimme aber nicht - er habe sie nur für sein Alter bekommen.
Am Montag wird mit Maren Ades "Alle Anderen" der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag gezeigt. Die internationale Jury vergibt die Bären am 14. Februar. Die Festspiele enden einen Tag später mit einem Publikumstag.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






