Extrem freizügige Szenen in "The Dreamers": Bertolucci sorgt mit Erotikdrama auf der Biennale für Aufruhr
zuletzt aktualisiert: 01.09.2003 - 16:37"The Dreamers" heißt das umstrittene Werk von Altmeister Bernardo Bertolucci - eine Geschichte um sexuelles Erwachen während der 68-er Studentenrevolte in Paris. Beim Filmfestival in Venedig wurden die extrem freizügigen Szenen der Hauptdarsteller Michael Pitt, Eva Green und Louis Garrel kontrovers aufgenommen.
Defloration auf dem Küchenboden, Geschlechtsteile in Nahaufnahme und Studenten, die in Menstruationsblut baden – Bernardo Bertolucci lässt in seinem neuen Film "The Dreamers" kaum ein Tabu aus. Klingt nach kalkuliert skandalheischender Neuauflage von "Der letzte Tango in Paris"? Ein klares Nein, denn Bertolucci setzt die sexgespickte Story äußerst zart, fast verträumt und mit charmant-witzigen Momenten in Szene.
Michael Pitt (22, bekannt aus „Mord nach Plan“ mit Sandra Bullock) spielt den jungen Amerikaner Matthew, der ein Austauschjahr an der Pariser Uni verbringt. Im Tumult des aufkeimenden Studentenaufruhrs an der Sorbonne lernt Matthew die Zwillinge Theo (Garrel) und Isa (Green) kennen - ein ebenso faszinierendes wie mysteriöses Pärchen. Verbunden durch ihre obsessive Kinopassion freunden sich die drei an. Als Theos und Isas Eltern in Urlaub fahren, zieht Matthew bei den Geschwistern ein. Aus der kleinen Wohnung wird binnen weniger Tage ein Ort des Lasters und der Leidenschaft. Theo und Isa verwickeln den prüden Matthew in seltsame Spielchen, die ihren ersten Höhepunkt darin finden, dass Matthew vor Theos Augen mit Isa schlafen soll. Was zunächst als spannende Entdeckung der eigenen Sexualität beginnt, wirkt auf Matthew bald zunehmend verstörend. Theo und Isa scheinen jedoch keine Grenzen zu kennen.
Wie werden die prüden Amerikaner reagieren?
Die schamfreie Präsentation intimster Körperstellen wird von allen drei Akteuren zwischen Natürlichkeit und Selbstbewusstsein bravourös gemeistert. Wie wohl das amerikanische Publikum auf diese Art von Offenherzigkeit regieren mag, fragt ein US-Journalist Michael Pitt auf der Pressekonferenz. Der reagiert fast verärgert und glaubt nicht an die Prüderie der Amerikaner. Mehr war aus dem Jungstar nicht herauszulocken. Eifrig kettenrauchend blickten er und Jungkollege Louis Garrel finster in die Reportermenge; Co-Star Eva Green (die 23-Jährige ist eine echte Leinwandentdeckung!) lächelte fast entschuldigend.
Umso enthusiastischer erklärt Bernardo Bertolucci, „The Dreamers“ sei für ihn ein sehr persönlicher Film. Zum einen wegen der Ereignisse von 1968 – schon lange hatte er dieses Stück Geschichte filmisch interpretieren wollen. „Die 68er sind die Basis unseres heutigen Verhaltens. Die jungen Leute wissen das nur nicht. Ich wollte ihnen den Idealismus, das Aufbruchgefühl der damaligen Generation nahe bringen“, sagt er.
Natürlich sei ihm klar gewesen, dass der Film mit dem „Letzten Tango“ verglichen würde, doch „The Dreamers“ sei viel leichter, nicht so tragisch. „Diese Leichtigkeit hat mir 1972 wahrscheinlich gefehlt. Umso wichtiger war es mir, nun einen Film für junge Menschen zu machen“, so Bertolucci. Außerdem sei er selbst an einem Punkt, an dem er nach etwas Neuem suche, nach neuen Anfängen und neuen Aufgaben. Vielleicht deshalb das Motiv des Aufbruchs und auch der ersten Liebe, dass er bereits in „Stealing Beauty“ 1996 mit Liv Tyler behandelt hatte.
Tatsächlich ist dem Film das liebevolle Auge des Regisseurs anzumerken. Wo es allzu ernst wird, lockert er mit kleinen Gags oder kindlichen Verspieltheiten auf. Ein absolut sehenswerter Film daher, dessen „nackte Fakten“ einfach nur Geschmackssache sind.
Autorin: Dörte Langwald
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






