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Schutzengel mit guter Laune

Die Bestsellerverfilmung "Ein ganzes halbes Jahr" nach dem Liebesroman von Jojo Moyes mischt Melodramatik mit Humor. Von Martin Schwickert

Gute Liebesgeschichten leben - zumindest in der Literatur und auf der Kinoleinwand - von starken Kontrasten. Das Motto "Gegensätze ziehen sich an" kommt in fiktionalen Verkupplungsprozessen wesentlich häufiger zur Anwendung als die eher langweilige Konstruktion von Seelenverwandtschaften.

Je höher die Hindernisse zwischen den zu Verliebenden zu Beginn, desto größer der romantische Output am Ende. Diesen einfachen Leitsatz hat Thea Sharrock in ihrem Spielfilmdebüt "Ein ganzes halbes Jahr" nach dem Bestseller von Jojo Moyes hingebungsvoll befolgt. Lou (Emilia Clarke) ist ein quirliges Wesen von naiver Beherztheit und Tochter aus proletarischen, kleinstädtischen Verhältnissen. Sie verfügt über ein gewinnendes Lächeln und einen sehr ausgefallenen, farbenfrohen Modegeschmack, der ihr liebenswertes Uncoolsein effektvoll unterstreicht. Will (Sam Claflin) hingegen kommt aus einer soliden Millionärsfamilie des englischen Adels.

Die Eltern besitzen nicht nur ein äußerst geräumiges Eigenheim, sondern auch die Burg, die hoch über der Stadt steht. Der junge Mann lebte ein glückliches Leben als Investmentmanager in London, bis ihn ein Motorrad beim Überqueren der Straße erfasste. Seitdem ist Will vom Hals abwärts gelähmt, verbringt seine Tage deprimiert im Rollstuhl und trauert seiner lebenslustigen Existenz vor dem Unfall hinterher. Die Mutter stellt Lou ein - nicht als Pflegerin, sondern als Gesellschafterin, die auf Honorarbasis ein freundschaftliches Verhältnis zum Patienten entwickeln soll. Wie sich bald herausstellt, hat Will seinen Eltern eine Sechs-Monats-Frist eingeräumt. Danach will er seinem Leben in einem Schweizer Sterbehospiz ein Ende setzen. Zunächst beißt sich die redselige Krankenbespaßerin an dem arroganten Klienten die Zähne aus. Aber nach hartnäckiger Gute-Laune-Animation, einem Fauxpas und einem reinigenden Gewitter knackt die harte Schale aus Selbstmitleid und Zynismus auf.

Es entsteht eine nach oben hin offene Freundschaft, in der Lou frischen Wind in das Dasein des Lebensmüden bringt und Will der unbedarften Provinzlerin die Freuden von untertitelten Filmen, klassischen Konzerten, Urlaub in der Karibik und frischen Croissants in Paris nahe bringt. Aber reicht all das aus, um Will von seinen Freitod-Plänen abzubringen?

Diese Frage wird mit überraschender Offenheit verhandelt. Natürlich steht in diesem Schnupftuchfilm, der sein Publikum auf eine übersichtliche, aber effiziente emotionale Achterbahnfahrt mitnimmt, das Happy End außer Frage. Aber wie das genau aussehen wird, bleibt zumindest für die Nicht-Leser des Romans bis zum Schluss im Unklaren.

Hemmungslos weidet "Ein ganzes halbes Jahr" sein Aschenputtelmotiv aus - nur dass der Prinz hier nicht hoch zu Ross, sondern als gebrochene Persönlichkeit im Rollstuhl daherkommt, die mit Elan und Güte zumindest seelisch kuriert werden soll. Bei so viel Klischees und Melodramatik bleibt natürlich kein Auge trocken, auch wenn das tragische Setting hier mit einer guten Portion britischen Feel-Good-Humors ausbalanciert wird.

Dass diese Gratwanderung durchaus Anstrengung gekostet hat, erkennt man nicht nur an der gefälligen Ausstattung und der optimistischen Ausleuchtung, sondern auch am expressiven Augenbraueneinsatz von Emilia Clarke ("Game of Thrones"), was anfangs recht putzig, aber auf Dauer allzu bemüht wirkt. Das wird die Fans der Buchvorlage nicht stören. In den USA ging "Ein ganzes halbes Jahr" jedenfalls mit einem Einspielergebnis von 46 Millionen Dollar durch die Decke - weitaus mehr als Schmonzetten-Meister Nicholas Sparks mit seinen letzten Romanverfilmungen verbuchen konnte.

Quelle: RP
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