Dokumentation "Die wundersame Welt der Waschkraft": Bettlaken im Grenzverkehr
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 07.05.2009 - 09:51(RP).Dieser Film gehört zu den seltenen Glücksfällen im Gegenwartskino: Er bietet Personen auf, die man liebgewinnt; man folgt der Kamera auf dem Weg durch die Wohnzimmer und in die Herzen von Beate und Monika und ihren Familien. Und er erzählt engagiert eine Geschichte aus der Wirklichkeit ohne zu werten. Der Film lässt Raum, deshalb wirkt er noch, wenn der Abspann längst vorbei ist.
"Die wundersame Welt der Waschkraft", die neueste Arbeit des deutschen Regisseurs Hans-Christian Schmid, könnte eine nachgereichte Episode seines Spielfilms "Lichter" von 2003 sein. Darin ging es um Schmuggler, Kleinkriminelle und Wendegewinnler an der polnisch-deutschen Grenze, es ging um Glück und Pech und darum, wie man das eine findet und das andere möglichst vermeidet. Ja, so könnte es sein, dachte man damals.
Nun erhöht Schmid den Grad an Wahrscheinlichkeit noch, "so ist es", ahnt man, denn "Waschkraft" ist eine Dokumentation. Sie zeigt das Leben rund um die deutsche Wäscherei Fliegel in Gryfino, einem Ort knapp hinter der Grenze zu Polen. Die Berliner Luxushotels schicken ihre Wäsche auf die einstündige Fahrt dorthin, jeden Tag gehen 50 Tonnen benutzte Laken, Handtücher und Servietten ab.
Für 300 Euro im Monat reinigen, mangeln und falten polnische Frauen das weiße Tuch, sieben Tage in der Woche steigt Wasserdampf aus der vom Kraftwerk nebenan versorgten Reinheits-Fabrik in den Himmel.
Schmid, dem es in früheren Werken wie "Nach fünf im Urwald" und "Requiem" gelang, Milieus authentisch ins Bild zu setzen, wurde auf die Geschichte über eine Zeitungsreportage aufmerksam. Er ist im Gegensatz etwa zu Michael Moore aber nicht daran interessiert, gegen einen Missstand – hier einen Auswuchs der Globalisierung – zu agitieren. Vielmehr schaut er auf die menschliche Dimension des kleinen Grenzverkehrs.
Man sieht die deutschen Zimmermädchen der Hauptstadt-Hotels beim morgendlichen Drill und bei der Arbeit in den normiert ausgestatteten und klinisch sauber wirkenden Gästezimmern. Diese Ordnung wird gekontert mit den chaotisch wirkenden Zimmern, in denen die polnischen Wäscherei-Arbeiterinnen jenseits der Grenze leben. Die Räume sind viel zu klein und vollgestellt mit Tinnef, aber an allem hängt Erinnerung oder Gefühl oder Trost.
Da ist die Tochter, die nicht so recht weiß, was sie werden will und wohin sie gehen soll. Die Liebe, die sich nicht in die knappe Freizeit pressen lässt und sich während der Arbeitszeit tränenreich ihren Weg bahnt. Die Kinder, die morgens nur Spuren der kurz vorher von der Nachtschicht heimgekehrten und ins Bett gefallenen Mutter finden.
Dieser Film rührt durch sein hohes Maß an Welthaltigkeit.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
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