"Der seltsame Fall des Benjamin Button": Brad Pitt lebt rückwärts
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 24.01.2009 - 15:50Düsseldorf (RP). "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist einer der sensationellsten und berührendsten Filme der vergangenen Jahre. Soeben wurde er für 13 Oscars nominiert. Am Donnerstag kommt das melancholische Drei-Stunden-Epos mit Brad Pitt und Cate Blanchett ins Kino.
Das ist die ergreifendste Schluss-Szene der vergangenen Jahre. So intensiv wirkt sie, dass einen das jämmerliche und kitschige und im Kino doch immer unbedingt ersehnte Mitleiden mit Macht in den Sessel drückt. Cate Blanchett sitzt da, als Greisin und schön, immer noch schön mit ihren digital aufgeschminkten 80 Jahren. Im Arm birgt sie einen Säugling, der in der Wirklichkeit dieser Geschichte ein gleichaltriger Mensch ist. Er ist ihr Geliebter, der Vater ihrer Tochter, und er wurde in den drei Stunden zuvor von Brad Pitt gespielt.
Dieser kleine verblassende Körper also gehört Benjamin Button, der vor einer Lebensspanne als alter Mann auf die Welt kam, ein faltiges und fleckiges Wunder, immer jünger wurde, rückwärts lebte und nun so jung ist, dass er sterben muss. Es gibt einen letzten, in diesiges, muttermilchiges Licht getauchten Augenaufschlag der Abschiednehmenden und eine Geste, die nicht verraten werden soll, die sich aber anfühlt, als lege ein Ungeheuer seine Pranke auf das blutende Zuschauer-Herz und drücke und presse. Dann ist der Film aus. Dieser großartige, schöne Film.
150-Millionen-Dollar-Produktion
"Der seltsame Fall des Benjamin Button" heißt die 150-Millionen-Dollar-Produktion. Soeben wurde sie zu Recht für 13 Oscars nominiert, nächste Woche kommt sie bei uns ins Kino. Sie erzählt eine Geschichte, die der amerikanische Autor F. Scott Fitzgerald aufgeschrieben und 1921 veröffentlicht hat: Wie wäre es, wenn man das Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende her lebte? Es ist ein Lieblingsstoff der Filmindustrie. Paramount sicherte sich noch in den 1920er Jahren die Rechte, seit den 80er Jahren scheiterten Ron Howard, Spike Jonze und Steven Spielberg an der Umsetzung. Nun ist es ausgerechnet David Fincher, Regisseur von brutalen und düsteren Genre-Klassikern wie "Fight Club" und "Sieben", der die melancholische Fabel sehr frei adaptiert auf die Leinwand bringt.
Benjamin Button wird am letzten Tag des Ersten Weltkriegs geboren. Sein Vater setzt den lebensfrischen Greis aus, auf den Stufen des Altenheims. Dort nimmt man sich des Waisenjungen an, ein Jüngling in welkem Körper, der den Bewohnern des Hauses gleichsam entgegenlebt. Man merkt, dass Eric Roth das Drehbuch geschrieben hat, der Autor von "Forrest Gump". Das ist episches Kino, es spannt den Bogen über die Zeitläufte und spiegelt die Wirrnisse des Weltgeschehens in einer skurrilen, an manchen Stellen phantastischen Biographie. Überbordendes Sentiment, subtile Ironie, sacht eingesetzte Spezialeffekte: die Mischung, die aus einem guten Film ein Kino-Erlebnis macht.
Benjamin trifft seine große Liebe Daisy, aber es ist noch nicht die rechte Zeit. Er heuert an, ficht eine Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg, beginnt eine Affäre mit der Ehefrau eines Spions, die von Tilda Swinton hinreißend gespielt wird. Eine rasante Abenteuergeschichte fächert sich auf, in der die Maske verblüfft. Eine neuartige Technik, erfunden vom ehemaligen Apple-Mitarbeiter Steve Perlman, ermöglicht es Brad Pitt, den Protagonisten in jeder Lebensphase mit Ausnahme des Säuglingsalters zu spielen. Man kann ein Gesicht mit diesem Verfahren aber nicht nur altern lassen. Sondern auch verjüngen.
Zauberhafter, gedanklicher Kontrollverlust
Und so sind im Mittelteil des Films, als Daisy und Benjamin endlich als Gleichaltrige auf Zeit zusammenkommen, die Gesichter so jung und frisch, dass der Zuschauer jenen zauberhaften gedanklichen Kontrollverlust spürt, der sich nur einstellt, wenn man großes Kino erlebt, wenn das kein Saal mehr ist, sondern eine Herzkammer. Die Zeit scheint nicht bloß im Film stillzustehen. Es ist die Überschreitung des Leinwandabkommens in die Wirklichkeit: Die Atmosphäre flirrt wie in einem Sommer-Tagtraum. Es ist der Moment größtmöglicher Teilhabe an einer Realität, wie sie nie sein wird. Die beiden schönsten Menschen der Welt tollen herum, sie bekommen eine Tochter, natürlich ist sie lieb und süß, und das anzusehen steigert den Selbstgenuss der Einbildungskraft.
Auf dem Höhepunkt unseres Aus-der-Welt-Seins tötet die Inszenierung alle Wunscherfüllungsgewissheit. Daisy fragt Benjamin, ob er sie noch lieben werde, wenn sie alt und verschrumpelt ist. Benjamin zögert und fragt Daisy, ob sie ihn noch lieben werde, wenn er sich in die Hose macht und Angst im Dunkeln hat. Die Stille schmerzt. Kurz danach bricht Benjamin auf. Daisy wird ihn erst ganz am Ende wieder in den Arm nehmen.
Jugend träumt, das Alter erinnert
Diese Szene ist mächtig, und sie stört die Gewohnheiten des Publikums. Kino funktioniert nämlich so: Die Jungen träumen von Dingen, die sie erst verwirklichen können, wenn sie älter sind. Und die Erwachsenen spüren die Sehnsucht nach einer Jugend, die sie nie erleben durften. "Benjamin Button" bricht mit dieser Gesetzmäßigkeit. In der letzten Stunde des Films erforscht der Zuschauer die Voraussetzungen glückender Liebe und die Bedingtheiten erfüllten Lebens: Will ich leben wie die da oben? Oder bin ich zufrieden?
So erklärt sich die Wirkmacht der wunderbaren Schluss-Szene. In der Vorlage endet sie mit diesen Worten: "Dann gab es nur noch Dunkelheit, und sein weißes Bettchen, die verschwommenen Gesichter, die sich über ihn beugten, der warme, süße Duft von Milch – all das verblasste und schwand endlich ganz und gar aus seiner Erinnerung."
Der Tod ist auch als Anfang das Ende.
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