Kinopremiere von "I am love": Buddenbrooks auf italienisch
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 27.10.2010 - 18:35(RP). Die 49-jährige Tilda Swinton spielt in "I am love" die First Lady einer Mailänder Textil-Dynastie. Der opulent ausgestattete Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, zeigt in rauschhaft schönen Bildern den Verfall einer Familie. Swinton gibt eine der besten Vorstellungen ihrer Karriere.
Mailand ist in diesen ersten Szenen in einen Mantel aus Nebel gehüllt, die Sonne lächelt schwach hinter einem Schleier von winterlichem Dunst. Der Blick geht über schneebedeckte Pinien hinweg. Die Kamera schwenkt auf die Villa der Familie Recchi, sie führt den Zuschauer hinein, vorbei an Tapisserien, Lüstern, Gemälden, Statuen und weiß behandschuhten Bediensteten. An der festlichen Tafel verkündet Edoardo, der Patriarch der Textildynastie, seinen Rückzug. Er würde das Geschäft irgendwann an seinen Sohn Edo übergeben, das wusste man. J
ahrelang schon haben Edo und seine Gattin Emma, beide Ende 40, darauf gehofft. Aber nun steht Edo da, er schaut so selbstgewiss, wie das nur jemand vermag, der sein Leben lang privilegiert war. Edo hört, was der Vater sagt. Dass nicht er allein künftig die Unternehmungen führen darf. "Um mich zu ersetzen, braucht es zwei Männer", spricht der Bariton des Seniors, also soll es der Sohn gemeinsam mit dem Enkel machen. Es ist jetzt ganz still. Das Gift der Demütigung breitet sich allmählich aus, und man weiß: Bei den Recchis ist es kälter als draußen.
So beginnt der Film "I Am Love", der das angestaubte Genre Melodram an unsere Zeit anpasst, und seine Anfangsszenen sind zum Niederknien, so perfekt ist das Herz der großbürgerlichen Finsternis ins Bild gesetzt. Die Kamera steht in den Zimmern und erwartet die Handelnden, oder sie zeigt, wie die Menschen den Raum verlassen und verharrt danach in der kostspielig vertäfelten Leere. In diesem Sarkophag lebt also Emma, die Hauptfigur, die hinter einer Maske aus Contenance verborgene Elfe. Emma ist Russin, sie wurde von Edo nach Italien geholt, in Kleider von Jil Sander und Fendi gesteckt und mit drei Kindern beschenkt. Ihr Gesicht ist weiß und hart wie Porzellan. Am Ende sehen wir es zerstört vom Schmerz. Es wird eine Befreiung sein.
Barock ausgestattetes Sittengemälde
Avantgarde-Regisseur Luca Guadagnino (38) und Tilda Swinton (49), die nicht nur die Rolle der Emma spielt, sondern "I Am Love" auch produziert hat, arbeiteten sieben Jahre an diesem Projekt. Entstanden ist so etwas wie eine Aktualisierung der "Buddenbrooks", ein barock ausgestattetes Sittengemälde, das auf Kino-Ahnen wie Luchino Viscontis "Die Verdammten" und "Der Leopard" verweist und sich vor den wuchtigen Schicksalsspielen von Douglas Sirk verneigt.
Emma begegnet an jenem Abend zum ersten Mal Antonio (Edoardo Gabriellini), einem Koch, der mit ihrem Sohn befreundet ist. Er bringt einen Kuchen vorbei, tritt nur kurz auf, aber das genügt, um in Emma eine Saite anzuschlagen. Ihre Schwingung bringt die Geschichte zum Klingen. Emma isst bald in Antonios Restaurant, er setzt ihr Meeresfrüchte vor, und als sie die Krabben (englisch: "prawns") zum Mund führt, mit geschlossenen Augen und seufzend, ahnt man schon, was da kommen wird. Tilda Swinton hat die Episode in einem Interview als "prawnography" bezeichnet, das trifft es ziemlich gut. Emma verfolgt Antonio durch die frühlingshaften Straßen Mailands wie ein Detektiv. Schnell geschnittene Bilder sind das, "Vertigo" stand Pate, die Haare trägt Swinton hier hochgesteckt wie Kim Novak in Hitchcocks Klassiker.
Zehn Millionen Dollar kostete die Produktion. Ein Großteil des Geldes wurde darauf verwendet, die Szenerie für die erste Einstellung mit schaumähnlichem Kunstschnee zu bedecken. Als die Dreharbeiten abgeschlossen waren und Guadagnino bereits daheim in Rom weilte und Swinton in ihrem Landhaus in Schottland, meldete der Wetterdienst: Schneefall in Mailand. Also reiste der Regisseur zurück und drehte den Auftakt neu. Warum ihm so viel daran liegt, erkennt man spätestens in der Szene, die mit dem Auftakt korrespondiert. In den Bergen kommen sich Emma und Antonio endlich nahe, und im Augenblick der hochsommerlichen Erfüllung huschen Großaufnahmen üppiger Blüten über die Leinwand, Vogelzwitschern wird zur Kakophonie gesteigert, der Blick verschwimmt bei der Kamerahrt durch das hohe Gras. Die Befreiung vom Leben mit durchgedrücktem Rücken. Alternative Wirklichkeit. Anna Karenina. Madame Bovary. Lady Chatterly. Wärme. Lust. Dass Antonio Emma schließlich das Haar schneidet, ist indes zu viel der Abnabelungs-Symbolik.
Es sind neben der Performance Tilda Swintons vor allem die Bilder, die diesen Film zum Ereignis machen. Ihre Ästhetik ist aus den 60er Jahren geborgt, die Leinwand scheint noch feucht zu sein von Farbe. Die Stoffe, die Kombination der Kleidungsstücke, das Essen auf den Tellern, die Ansichten der Natur: Alles ist auf Überrumpelung ausgelegt, auf Schwelgen und Berauschen. Aber man sollte sich nicht in Sicherheit wiegen. "I Am Love" ist ein Film der Scheinbarkeit und des Trugs. Hinter der Fassade lauert ein Abgrund. Am Ende dräuen Abschied und Verlust.
Die Kälte ist aus Emmas Leben gewichen. Der Schnee ist geschmolzen. Nun regnet es.
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