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Goldene Palme für Christoph Waltz: Der Böse mit dem Wiener Schmäh

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 26.05.2009 - 10:14

Düsseldorf (RP). Er hat den Entführer von Richard Oetker gespielt, zahlreiche Verbrecher-Nebenrollen und nun einen SS-Mann in Tarantinos "Inglorious Basterds". Dafür hat Christoph Waltz (52) in Cannes die Goldene Palme bekommen. Annäherung an einen Bösewicht von internationalem Kaliber.

Nichts ist so beängstigend wie das Böse, wenn es sich höflich gibt, charmant, geistreich ­ so wie Christoph Waltz in seinen besten Rollen. Er hat die Figur des Dämons in unscheinbarer Gestalt, des manischen Verbrechers, der lange harmlos scheint, perfektioniert. Er holt das Böse in diese Welt, zeigt, wie sich Abgründe in jedem Charakter auftun können, angedeutet durch Risse in der Fassade der Normalität.

Das Böse ist bei Christoph Waltz nie monströs, nie Ausnahmeerscheinung, sondern glaubhafte Möglichkeit einer Figur ­ und darum so bedrohlich. Vielleicht ist es das leicht Wienerische in seiner Sprache, das ihn so überzeugend macht in abgründigen Rollen; weil der Wiener Schmäh elegant ist, aber immer auch ein wenig zu süß, um nicht Misstrauen zu wecken. Vielleicht ist es auch das leicht Näselnde seiner Aussprache, das er ins Neurotische treiben kann.

Vielleicht ist es auch einfach sein Gesicht mit dem etwas schiefen Kinn, den tiefen Falten um den Mund, die immer ein Lächeln andeuten, auch wenn die Augen längst kalt blicken, höhnisch, erbarmungslos. Christoph Waltz kann Figuren umschlagen lassen vom Liebenswürdigen ins Bedrohliche oder changieren zwischen Harmlosig- und Bösartigkeit. Darum hat der Österreicher nun völlig zu Recht in Cannes die Goldene Palme als bester Darsteller bekommen und damit dem Festival auch das Märchen beschert, auf das die Berichterstatter in jedem Jahr hoffen.

Brad Pitt an die Wand gespielt

Waltz hat den begehrten Preis für eine Nebenrolle als SS-Mann erhalten. Er hat Brad Pitt, den eigentlichen Star in Tarantinos Nazi-Jäger-Genremix "Inglorious Basterds", in den Schatten gespielt. Und der hat das kommen sehen, als er in einer Pressekonferenz in Cannes von "diesen Deutschen" sprach, die es "einfach drauf" hätten.

Ein Deutscher ist Christoph Waltz nicht, er wurde 1956 in Wien geboren, als Kind zweier Bühnenbildner und Spross einer Familie, in der sich Schauspieler finden bis in die Urgroßvater-Generation. Am Wiener Max-Reinhardt-Seminar studierte er bei dem Körpersprache-Altmeister Samy Molcho und der österreichischen Schauspiel-Eminenz Erni Mangold. Die erinnert sich an den Schauspielschüler als einen "ernsten jungen Mann", der sich das Spielen nicht leicht gemacht habe, "hart zu sich war" und vielleicht auch darum so viel Erfolg habe als Bösewicht.

Jedenfalls trägt der Österreicher Christoph Waltz, der in London lebt und auch mal in New York studiert hat, nun dazu bei, dass von deutschsprachigen Darstellern die Rede ist in der internationalen Filmszene. Weil unter ihnen Entdeckungen zu machen sind, Darsteller, die ihr Handwerk gelernt, im Theater Erfahrungen gesammelt haben.

Waltz etwa hat unter Regisseuren wie August Everding, Jürgen Flimm, Thomas Langhoff gespielt und ist nicht Schauspieler, um Star zu sein, sondern, weil er die Grenze des Darstellbaren erkunden ­ und verschieben will. Und da kam ihm die Figur eines SS-Manns bei Quentin Tarantino gerade recht. Als "Jahrhundertrolle" hat Waltz sie bezeichnet, weil er in 20-Minuten-Szenen einen charmanten Mann von Welt zur Bestie werden lassen musste.

Tarantino wusste, dass er dafür einen Ausnahmeschauspieler brauchte, und wollte sein Projekt schon absagen. Doch dann sprach Christoph Waltz vor und überzeugte den Regiestar. Das deutsche Publikum hat er längst für sich gewonnen in so unterschiedlichen Rollen wie als Oetker-Entführer oder als Schlagerstar Roy Black. Auch den hat er gespielt als vieldeutige Figur, als Idol der einsamen Herzen, der diese Rolle brauchte und doch daran zugrunde ging. Vielleicht darf Christoph Waltz sein Können als Meister des Abgründigen nun auch international beweisen. Es wäre ihm zu wünschen. Und dem Kinopublikum.


 
 
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