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Zum Tod von Christopher Lee
Dracula wird niemals sterben

Bilder aus dem Leben von Christopher Lee
Bilder aus dem Leben von Christopher Lee FOTO: dpa, sab htf
Düsseldorf. Er war der beste Vampir-Darsteller aller Zeiten, Gegenspieler von James Bond und Hohepriester der Kriegstreiberei in "Der Herr der Ringe". Im Alter von 93 Jahren ist der Brite in London an Herzversagen gestorben. Von Dorothee Krings

Natürlich sind bei Dracula nicht die Zähne entscheidend, sondern der Blick. Mit den Augen muss der edle Vampir seine Opfer bannen, muss sie so für sich einnehmen, dass sie sich ihm nahezu freiwillig hingeben. Abgestoßen und angezogen zugleich erwarten sie den tödlichen Biss voll dunkler Angstlust und sinken ihm in die Arme. Denn ein wahrer Dracula überfällt nicht, er verführt. Christopher Lee war der wahre Dracula.

Mit seiner hohen, noblen Gestalt war er ein idealer Fürst der Finsternis, und so viele Draculas es nach ihm auch gegeben hat - seine Darstellung 1958 unter Terence Fisher blieb unerreicht. Dabei hatte Lee seine Filmkarriere auf der Seite des Gesetzes begonnen, hatte unter anderem in deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen Polizeibeamte gespielt. Seine aristokratische Erscheinung hatte ihn eigentlich für Heldenfiguren vorbestimmt. Doch genau diese Vornehmheit, diese hagere Integrität nahm er dann mit in seine Dracula-Darstellung und wurde zum edelsten aller Vampire, zum gruseligen Grafen der Ambivalenz.

Tatsächlich stammte Lee mütterlicherseits aus einem alten Adelsgeschlecht und hat das auch gerne erzählt. Die Familienwurzeln seiner Mutter Estelle Marie Carandini di Sarzano reichen angeblich bis in die Zeit Karls des Großen zurück, und so nannte Lee seine Filmfirma auch Charlemagne. Der Vater war Offizier in der britischen Armee gewesen, Lee selber diente während des Zweiten Weltkriegs bei der Royal Air Force. Danach zog er die Uniform aus, ab 1947 drehte er Filme.

In der Zeit des Kalten Krieges errang Christopher Lee jenen Status des personifizierten Bösen, der ihn unvergesslich werden ließ. Die Figur des eiskalten Blutsaugers, des unbarmherzigen Zubeißers passte in die Zeit. In den 60er Jahren war man empfänglich für einen absolut Bösen, dessen Begierden niemand entkommt - für eine Supermacht, die das Licht des Tages scheut.

In den 70er Jahren legte Lee die Vampirzähne dann endgültig ab und bekam weiter attraktive Rollen, etwa die des Schurken Francisco Scaramanga in dem James-Bond-Film "Der Mann mit dem goldenen Colt". Da ist er Roger Moore ein ebenbürtiger Gegner, Duell der Gentlemen. Immer wieder schrieb Lee mit an der Filmgeschichte, auch Nebenrollen gehörten ihm. So wird man ihn auch als Saruman in "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit" in Erinnerung behalten. Wie er als kriegerischer Hohepriester die Heere zusammenruft - er hat da wieder diesen konzentrierten Blick des bösen Sehers, der am Horizont schon die Apokalypse zu erblicken scheint. Und sich nicht fürchtet.

Er selbst hat sich gelegentlich mit feinstem Spott über seine Auftritte als Saruman lustig gemacht. "Augenbrauen-Schauspielerei" nannte er die eigene Kunst, als bereits über 80-jähriger Mann in weißem Priestergewand böse Weisheiten zu verkünden und den Worten allein durch die Mimik Gewicht zu geben.

Für den letzten Teil der "Hobbit"-Filme flog er nicht mehr an das Filmset nach Neuseeland, sondern drehte einsam vor einer grünen Wand in London. "Dann muss man schon die Fantasie bemühen", kommentierte er damals. Davon hatte der hochintelligente Darsteller, der 13 Sprachen sprach, darunter Swahili und drei Urdu-Dialekte, wohl reichlich. Seine Figuren erfand er als komplexe Persönlichkeiten und zeigte im Film immer nur einen Bruchteil. Darum wurde sein Spiel nie langweilig. Darum konnte er auch als alter Mann noch einmal eine große Karriere machen. Man sah immer, dass er seinen Zuschauern voraus war.

Doch Lee war nicht nur Vampir, Edel-Schurke und der gefallene Jedi-Ritter Count Dooku in "Star Wars". Im Herzen war der Brite Musiker, trat in Musicals auf, liebte Wagner, arbeitete als Sprecher mit Symphonic-Metal-Bands. Und wenn Journalisten ihn fragten, wie er daran bloß Gefallen finden könne, verzog er nur spöttisch das Gesicht - Augenbrauen-Schauspielerei, er beherrschte sie tatsächlich.

Im Alter von 93 Jahren ist Christopher Lee nun in einer Londoner Klinik an Herzversagen gestorben. Natürlich lebt er weiter - als Dracula.

Quelle: RP
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