Für das deutsche Kino sind die mageren Jahre in Cannes vorbei: Daniel Brühl greift nach der Goldenen Palme
zuletzt aktualisiert: 21.04.2004 - 16:28Paris (rpo). Daniel Brühl kann sich auf den Roten Teppich an der Croisette freuen. Der "Good Bye, Lenin"-Darsteller greift bei den Filmfestspielen in Cannes nach der Goldenen Palme. Für den 25-Jährigen heißt es im Mai erstmals: Bonjour, Côte d'Azur.
Brühl tritt als einer der Hauptdarsteller des deutsch-österreichischen Spielfilms "Die fetten Jahre sind vorbei" an, um nach einem Blauen Engel, zahlreichen Lolas und einem César eine weitere Auszeichnung einzuheimsen. Für den deutschen Film, der seit 1993 nicht mehr beim angesehensten Kino-Wettbewerb der Welt vertreten war, ist die Botschaft klar: Die mageren Jahre sind vorbei.
Seit den wilden Zeiten von Autorenfilmern wie Volker Schlöndorff oder Wim Wenders hatte das deutsche Kino in Cannes keine großen Chancen mehr. Namen "neuer" deutscher Stars wie Moritz Bleibtreu, Franka Potente oder eben Daniel Brühl fehlen in den Archiven des Festivals, ebenso Regisseure wie Tom Tykwer oder Oscar-Preisträgerin Caroline Link ("Nirgendwo in Afrika").
Noch im vergangenen Jahr war es Cannes-Veteran Wenders echt peinlich, dass er mal wieder als einziger Deutscher das begehrte Festival-Siegel "Séléction Officielle" für seinen Musikfilm "The Soul of a Man" erhalten hatte. Der Streifen lief im Festival-Palast aber außer Konkurrenz. Bei der bisher letzten deutschen Teilnahme am Hauptwettbewerb hatte Wenders 1993 mit "In weiter Ferne, so nah" einen Großen Preis der Jury geholt, 1984 gab es für sein "Paris Texas" die letzte Goldene Palme für einen deutschen Film. 1989 leitete Wenders die Haupt-Jury, 2003 die Jury der "Goldenen Kamera" für den besten Erstlingsfilm.
Bei aller Wertschätzung für den kurz nach Kriegsende geborenen Düsseldorfer Wenders halten Kritiker dem Festspielbetrieb seit Jahren Verkrustung und das Pflegen alter Animositäten vor. Das Festival diene dem Wiedersehen der immer gleichen alten Gesichter, schimpfte die Pariser Zeitung "Libération", der "Spiegel" sah eine "Gerontokratie". Der Chef der nordrhein-westfälischen Filmstiftung, Michael Schmid-Opach, regte sich 2002 offen über die "Arroganz von Cannes" auf. Wenders machte bei den Veranstaltern Lobbyarbeit für seine Landsleute. "Aber ich kann sie zu ihrem Glück nicht zwingen", stellte der renommierteste deutsche Filmemacher im vergangenen Mai frustriert fest.
Nun scheint die Botschaft endlich angekommen zu sein. Vier deutsche Filme bewarben sich um eine Teilnahme im Wettbewerb um die Goldene Palme, schließlich setzte sich "Die fetten Jahre sind vorbei" von Hans Weingartner mit Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg als Hauptdarsteller durch. Der künstlerische Leiter des Festivals an der französischen Riviera, Thierry Frémaux, hielt dem deutschen Kino bei der Bekanntgabe der Nominierten indirekt vor, es sei mit der Qualität seiner Filme selbst Schuld an der langen Pause. Der Film des jungen Hans Weingartner dagegen "ermöglicht Deutschlands Rückkehr", sagte er in Paris.
"Das ist ein fantastisches Ergebnis", freute sich Sigrid Herrenbrück vom Medienboard Berlin-Brandenburg, das Weingartners Streifen mit 140.000 Euro gefördert hat. "Das junge Berlin ist wirklich im Kommen." Allein die Teilnahme in Cannes sei für die deutsche Kinoszene "natürlich schon alles" - gar nicht auszudenken, wenn der Film am 22. Mai auch noch ausgezeichnet würde. Schon immer habe die Potsdamer Anstalt den Nachwuchs besonders unterstützt, betont die Medienboard-Sprecherin. Regisseur Weingartner ist gerade 33 Jahre alt. Für seinen in Berlin und Tirol gedrehten Spielfilm erhielt er auch Fördermittel aus Österreich, beteiligt sind zudem der TV-Sender Arte und der Südwestrundfunk.
Der erfolgsverwöhnte Brühl weilte am Mittwoch in Spanien und war zunächst nicht zu erreichen. Regisseur Weingartner zeigte sich "überglücklich". Für ihn ist das Zwei-Stunden-Werk "Die fetten Jahre sind vorbei" erst der zweite Spielfilm. Auch bei seinem viel gerühmten und ausgezeichneten Debütfilm "Das weiße Rauschen" hatte Brühl die Hauptrolle gespielt.
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