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"The F-Word" neu im Kino
Herzschmerz sah selten besser aus

Daniel Radcliffe in "The F-Word" im Kino
Daniel Radcliffe als Wallace und Zoe Kazan als Chantry in einer Szene der herrlichen Liebeskomödie "The F-Word". FOTO: dpa, mbk sab
Düsseldorf. So geht zeitgenössisches Erzählen: Die umwerfende Liebeskomödie "The F-Word" mit Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe. Von Philipp Holstein

Wallace ist in Liebesdingen ein armer Tropf, ein selbstmitleidiger Waschlappen, er ist also genauso wie man selbst. Deshalb kann man gut verstehen, dass er nachts auf dem Dach eines Hauses sitzt, ein bisschen seufzt und sich noch einmal die Abschiedsnachricht anhört, die ihm die Freundin auf die Mailbox sprach, bevor sie seine Ex-Freundin wurde und er sein Medizinstudium abbrach. 379 Tage ist die Nachricht alt, jetzt löscht Wallace sie, das Leben muss ja weitergehen - auch wenn man bereits tausend Tode gestorben ist.

"The F-Word" heißt diese großartige Liebeskomödie, und die Hauptrolle spielt Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe. Er macht das gut, sehr gut, kein bisschen denkt man mehr an den Zauberlehrling. Dem 25-Jährigen gelingt es, das herauszuarbeiten, was seine Figur mit dem Zuschauer verbindet. Also leidet man zunächst mit ihm, und dann freut man sich, weil sich Schmerz und Scham allmählich im Triumph auflösen. Das ist ja überhaupt das Lieblingsthema der Popkultur, dass der Trottel am Ende der Sieger ist: Mann hat Traum, Traum zerplatzt, Mann kriegt den Blues, und den singt er so ergreifend, dass ein neuer Traum beginnt.

Wallace geht also auf seine erste Party nach Beziehungsende. Dort trifft er Chantry, und dieser junge Mensch mit Hornbrille und roten Ballerinas ist so toll und umwerfend, dass man Wallace zu beneiden beginnt. Gespielt wird Chantry von Zoe Kazan aus Kalifornien, und die ist immer toll und umwerfend, in der Schriftsteller-Komödie "Ruby Sparks" ebenso wie in der Mini-Serie "Olive Kitteridge". Die beiden mögen einander, sie schäkern, und ihnen beim Zusammensein zuzusehen, macht Lust auf Rotwein. Wallace begleitet Chantry heim, aber er darf nicht mit hochkommen, "mein Freund fragt sich nämlich sicher schon, wo ich bleibe".

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Wallace schluckt das Wort einfach runter, das F-Wort: Sie hat also einen Freund, einen ziemlich vorzeigbaren sogar, wie man bald erfährt, einen Checker und Klarmacher, einen mit Wohnung, Mobiliar und Anzugträger-Job. Wallace steht da, als sei er eben in ein Video von Badly Drawn Boy geplumpst, und dann sagt Chantry auch noch dieses: "Wollen wir dennoch Freunde bleiben?" - "Das klingt wie ein Geschäftsabschluss." - "Ja, das ist so meine Art." Er will natürlich trotzdem Freunde bleiben.

"The F-Word" von Regisseur Michael Dowse hat die Herzlichkeit von "About A Boy" und in den lustigsten Momenten den Witz der "Simpsons". Die Szenen in diesem Film werden verbunden von Comicfiguren, die Chantry zeichnet, kleinen Animationen, das ist sehr charmant. Das Licht ist warm und schmeichelhaft, und der Soundtrack besteht aus Liedern, die von Männern mit zu hohen Stimmen gesungen werden.

Wallace wohnt bei seiner alleinerziehenden Schwester, und eine der schönsten Szenen des Films zeigt ihn beim Babysitten mit seinem Neffen. Die Jungs sehen sich Horrorfilme an und essen Eis, und beides war ihnen eben noch verboten worden. Dann kommt die Schwester/Mutter vorzeitig heim, ihr Date war nichts, gar nichts, und weil Wallace den Horrorfilm schnell ausgemacht hat, macht die Schwester ihn nun wieder an. Sie kuschelt sich auf dem Sofa an ihre Männer, und still schauen sie zu dritt weiter.

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Der Film spielt in Toronto und nicht wie die meisten Liebeskomödien in New York. Toronto fühlt sich näher an, man wähnt sich dort zuhause, es sieht aus wie die Stadt, in der man selbst lieben gelernt hat, es sieht aus wie Erkrath oder Erkelenz - jedenfalls manchmal und ein bisschen. Zugleich ist "The F-Word" bei aller Wahrhaftigkeit märchenhaft genug, dass sich der Film-Liebeskummer nicht so ausweglos anfühlt wie der eigene, sondern wie ein Versprechen wirkt: Da kommt noch was, aus Leid erwächst Leidenschaft, wart mal ab.

Wallace und Chantry tänzeln ein paar Monate umeinander herum, und sie haben Freunde, die immer eine Flasche mit romantischem Brandbeschleuniger dabei haben. Adam Driver spielt den Kumpel, und anders als in der Serie "Girls", wo er einem bereits in Staffel eins auf die Nerven ging, tariert er Hemmungslosigkeit und Gewogensein fein aus. Er und seine Film-Partnerin laden das Paar, das noch keines ist, zu einem Abend mit Lagerfeuer am Strand ein, und als Wallace und Chantry schwimmen gehen, stehlen die Freunde deren Anziehsachen, fahren weg und lassen bloß einen Schlafsack für die kalte Nacht zurück - ja: nur einen Schlafsack. Wenn Jungs träumen, träumen sie davon.

Liebesweh fühlte sich selten so schön an wie hier. Und selten sah es so gut aus.

Quelle: RP
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