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Oscar-Verleihung: Das alte Hollywood ist tot

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 26.02.2008 - 09:00

Düsseldorf (RPO). Revolution kündigte sich an, und diese Oscar-Verleihung ist nun der Beweis: Hollywood mag seine Stars nicht mehr. Die Schauspieler, die in den vergangenen Jahren Millionen in die Kinos gelockt und für die großen Momente der alljährlichen Zeremonie im Kodak-Theater von Los Angeles gesorgt haben, sie wurden nicht mal nominiert - obwohl sie durchaus aktuelle Produktionen vorzuweisen haben: Julia Roberts etwa oder Tom Hanks oder Nicole Kidman oder Tom Cruise.

Statt dessen überschüttete man das Arthouse-Kino, den Autoren-Film und also Europa mit Oscars: die Schottin Tilda Swinton, überirdisch-schöne Ikone des unabhängigen Films; den immer etwas unheimlichen Engländer Daniel Day-Lewis; den Spanier Javier Bardem für seine Rolle als Killer in „No Country for Old Men“ und die Französin Marion Cotillard für ihre Darstellung der Piaf in „La vie en rose“.

Ihren großen Namen weist die Film-Industrie nun eine andere Rolle zu, ihre Bedeutung im System Hollywood liegt nicht mehr in erster Linie in ihrer Funktion als Schauspieler, sondern in der von Lieferanten des Glamour, nostalgisches Getändels, Klatsches, schönen Scheins. Sie sind aufs Oberflächliche gebucht, auf das Heiapopeia davor und danach. Für die Qualität auf der Leinwand sorgen Produktionen mit kleinem Budget und Schauspieler mit unverbrauchten Gesichtern, Kanten-und-Ecken-Besitzer.

Eine Schauspielerin wie Renée Zellweger darf den Fotografen auf dem roten Teppich vor dem Theater ein Bein zeigen, ein nicht-enden-wollendes Bein, ein Bein, das man von der eher spröden Tilda Swinton nie kriegen würde. Aber im Saal dann darf Swinton auf der Bühne den Oscar entgegen nehmen, nicht Zellweger, weil Swinton gespielt hat, wie man Zellweger nie wird spielen sehen.

Mit Blick auf die als bester Film ausgezeichnete Produktion „No Country for Old Men“ der Coen-Brüder - ein gewalttätiger und knallhart abgefilmter und wüstentrocken inszenierter Überlebenskampf nach einer Geschichte von Cormac McCarthy - könnte man sagen: Hollywood hat sich vom Massengeschmack befreit.

Die düsteren Sieger der letzten Jahre - „Million Dollar Baby“, „LA Crash“ und „Departed“ - wiesen bereits in diese Richtung. Swinton ist das Symbol dieser Entwicklung: Wie sie auf der Bühne stand, das rote Haar, der lilienreine Teint, in diesem samtenen Lanvin-Kleid, das nur einen Ärmel hat - es lebe die Avantgarde.

Hollywood erneuert sich, indem es Qualität importiert. Vielleicht war die Großproduktion „Titanic“ mit ihren elf Oscars der letzte Film, der für das alte Hollywood steht, zehn Jahre ist er her. Seitdem konnten sich die fast 6000 Mitglieder der Oscar-vergebenden Academy nicht noch einmal auf den einen Film einigen, der als einziger in seinem Jahrgang Erfolg und Qualität vereint.

Die in diesem Jahr prämierten Produktionen haben kleinere Budgets und sind mit Ausnahme der Schwangerschaftskomödie „Juno“ kein Happy-End-Kino und keine außerordentlichen Kassenerfolge.

Der Erfolg von „Titanic“ war zu großen Teilen seinem Star Leonardo DiCaprio geschuldet. Über ihn redete damals jeder, von ihm schwärmte jede - so einen gibt es heute nicht mehr. Stars funktionieren nicht mehr als Zuschauer-Magnete, das ist die Lehre der vergangenen Jahre, mega und giga sind passé. Kino bleibt zwar ein Massenspektakel, einzelne Filme sind es aber nicht mehr.

Selbst ehemalige Dollar-Garanten wie Tom Cruise bringen es kaum noch zu bemerkenswerten Erfolgen - die konstantesten Einspielergebnisse erzielt derzeit der in den bunten Blättern eher selten vertretene Will Smith.

Gut möglich, dass das Prinzip Star sich überlebt hat. Mit Amüsement liest man über die täglichen Eskapaden eines Tom Cruise oder die Fortsetzungen der Liebesgeschichte von Brad Pitt und Angelina Jolie. Aber im Kino mag man die Leute, über deren exaltiertes Privatleben man oft mehr weiß als über das entfernter Verwandter, nicht mehr sehen.

Man hat sie über, oder man nimmt sie in der Rolle der um Gerechtigkeit kämpfenden Journalisten-Gattin (Jolie), des Senators (Cruise) oder Cowboys (Pitt) nicht mehr ernst. Das ist der Beckham-Effekt: David Beckham war irgendwann mehr Werbefigur, Jetsetter und Promi als Fußballer. Ein Star, der sein Kerngeschäft verlagert hat.

Werden wir uns nun vom Blockbuster-Kino auf alle Zeit verabschieden müssen? Werden wir nie wieder den einen Schauspieler anhimmeln? Wer weiß. Die Oscars schauen zurück und nicht nach vorn, sie stehen am Ende einer Entwicklung. Vielleicht ist der Trend zum düsteren Epos, zur Trennung von Glamour und Qualität Ausdruck der Ära Bush. Vielleicht wird alles anders, wenn Barack Obama Präsident ist und das Versprechen auf „Change - Wechsel“ eingelöst hat.

Wir werden sehen, nächstes Jahr im selben Theater.


 
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