Batman in den deutschen Kinos: Das Böse kehrt zurück
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 19.08.2008 - 22:13Düsseldorf (RP). Nun startet "The Dark Knight" in den deutschen Kinos, die düstere Fortsetzung der Batman-Abenteuer. In den USA war der Film in den ersten Wochen fast schon so erfolgreich wie "Titanic" – vor allem wegen des kürzlich gestorbenen Heath Ledger, der den Joker spielt.
Todesfurcht ist schlimmer als der Tod, hat Rousseau gesagt, denn die Furcht vor dem Tod bedroht die Freiheit und vergiftet das Leben. Gotham City, diese düstere Metropolis, dieses Licht und Hoffnung absorbierende Babylon, siecht dahin wie das Opfer einer Giftspinne – langsam, schmerzensreich.
Gotham, dessen Kulisse die Filmemacher in Chicago gefunden haben, ist durchseucht von Brutalität und Verdorbenheit, vom organisierten Verbrechen, und verschuldet hat das der ewig grinsende Mann, von dem man nicht weiß, woher er kommt, von dem man aber ahnt, dass er die Wiederkehr des Ur-Bösen ist: der Joker.
Zweiterfolgreichster Film der Kino-Geschichte
Das ist die Ausgangssituation von „The Dark Knight“, der neuesten Verfilmung eines Batman-Comics, die am Donnerstag ins Kino kommt. In den USA stieg die Produktion binnen vier Wochen zum zweiterfolgreichsten Film der Kino-Geschichte nach „Titanic“ auf. Die Perfektion, mit der die Spezialeffekte gestaltet sind, könnte ein Grund dafür sein; die Unterhaltsamkeit möglicherweise und das Staraufgebot mit Michael Cain, Gary Oldman und Morgan Freeman. Ganz sicher aber wurden die meisten Leute von der Figur des Joker ins Kino gelockt.
Heath Ledger legt ihn in seiner letzten vollendeten Rolle als Clown an, der mit diabolisch-genießerischer Zirkus-Grandezza Böswilligkeit und Vorsatz vereint. Der Tod des 28-jährigen Ledger nach einer Überdosis Medikamente im Januar verstärkt die Morbidität seines Spiels, Joker ragt aus der Leinwand in die Wirklichkeit.
Das steigert die Faszination derart, dass man nach dem Film erschöpft ist wie von großer körperlicher Anstrengung. Überhaupt ist dieser Film Körperkino. Joker hält nicht still, ist immer in Bewegung, leckt sich tickhaft den Mund wie ein Chamäleon beim Fliegenfang. Und der von Hollywoods früherem Kinderstar Christian Bale gespielte Batman versteckt einen geschundenen Körper unter dem Fledermaus-Anzug. Jokers Gegenspieler wirkt seltsam müde bei seinen Kampfeinsätzen zwischen verspiegelten Türmen.
Die Philosophie des Bösen
Batman, im bürgerlichen Leben ein Millionär namens Bruce Wayne, ist hier ein Grübler, ein schöner Mann mit kapriziöser Brutalität um den Mund. Er versucht die Philosophie des Bösen zu verstehen, aber er scheitert an der Makellosigkeit des Jokerschen Chaos – makellos, weil von allem Sinn befreit.
Wayne ist fremd in einer Welt, in der alle sozialen Übereinkünfte aufgehoben werden. Und er leidet daran, dass er wegen seiner Doppelrolle die große Liebe nicht leben kann. Wenn er den Staatsanwalt Harvey Dent an der Seite seiner von Maggie Gyllenhaal gespielten ehemaligen Geliebten Rachel beobachtet, wirkt er wie der große Gatsby: elegisch, mönchisch fast, so weit weg.
Man sieht es schon: Der 38-jährige Regisseur Christopher Nolan, der auch für die Vorgänger-Episode „Batman begins“ von 2005 verantwortlich ist, wollte sehr viel. Einen philosophischeren, schwereren Actionfilm gab es nie, ein solch pessimistisches Menschenbild ist eigentlich undenkbar im Blockbuster-Kino.
Wie eine Naturkatastrophe über die Stadt
Und eben das ist vor allem in den letzten 30 der 160 Minuten das Problem dieses rasanten, mutigen und intellektuell ansprechenden Films. Nolan vertraut dem Zuschauer nicht, hält ihn allzu lange bei der Hand und steigert seine Parabel über Gut und Böse und die Verführbarkeit des Menschen zur großen Oper, in der die Frauen weinen und Kinder umarmen und die Männer schmallippig und mit hängenden Schultern dastehen.
Dabei hätte Nolan auf den Grundkonflikt vertrauen können – und auf Heath Ledger. Während die Guten die Regeln der Moral verfolgen und innerhalb eng gesetzter Grenzen agieren, ist der Joker universell frei. Er kommt wie eine Naturkatastrophe über die Stadt – weder der Menschlichkeit noch der Logik verbunden: Ob einer lebt oder stirbt, hängt von Zufällen ab. Er verkörpert das atavistische Böse, und als Erklärung für seinen Hass auf die Welt muss ausreichen, dass sein Vater ihm einst die Mundwinkel bis an die Ohren aufschlitzte, damit er nicht so ernst dreinschaue.
Mörder faszinieren als Denkmodell
Heath Ledgers Joker gehört zu den neuen Bösewichtern Hollywoods. Er steht in einer Reihe etwa mit Javier Bardems Darstellung des Mörders in der oscarprämierten Literatur-Verfilmung "No Country for old men". Diese Mörder faszinieren als Denkmodell, weil sie nicht nur das Gegenteil, sondern auch der Feind des Guten sind. Das wahrhaft Böse strebt danach, moralische Kategorien auszulöschen. Ledgers und Bardems Figuren sind nichts anderes als Terroristen, vielleicht packen uns diese Filme deshalb so: weil Terror die gegenwärtigste Form des Bösen ist.
In einem Experiment gibt der Joker den Kapitänen zweier voll besetzter Fähren den Auslöser zur Zerstörung des jeweils anderen Schiffes. Per Durchsage lässt er die Menschen an Bord wissen, dass diejenigen überleben, die zuerst töten. Man muss die Spannung im Kinosaal in diesem Moment erlebt haben. Es sind quälende Minuten von großem Jetzt-Bezug.
Der Joker empfindet hierbei keine Lust, sondern Heiterkeit. Sein Wahnsinn ist zu gleichen Teilen an der Verführungskunst eines Mephistopheles geschult wie an den Perversionen eines Marquis de Sade. Trost gibt es in diesem gigantischen, vom Düsteren ins Finstere drängenden Film nicht.
Aber am Ende von Jokers Experiment lässt Komponist Hans Zimmer Streicher eine Handvoll funkelnde Töne setzen. Die Streicher sind in der neuen Batman-Verfilmung ein Zeichen für Hoffnung.
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