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Interview mit Alexander Kluge: "Das Kapital" – jetzt als Film

VON DAS INTERVIEW FÜHRTE DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 24.11.2008 - 08:00

Düsseldorf (RP). Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge hat „Das Kapital“ von Karl Marx verfilmt. Entstanden ist eine Sammlung von Interviews, dokumentarischen Fetzen, Musik. Mit dabei neben anderen: Dietmar Dath, Peter Sloterdijk, Durs Grünbein und – Helge Schneider.

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge hat "Das Kapital" verfilmt  Foto: ddp
Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge hat "Das Kapital" verfilmt Foto: ddp

Ihr Film basiert auf den Tagebuchnotizen des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein, der „Das Kapital“ von Karl Marx verfilmen wollte. Wann haben Sie „Marx verfilmen“ ins Tagebuch geschrieben?

Kluge Die Idee entstand im Garten des Suhrkamp-Verlages. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hatte über das Eisenstein-Projekt gelesen und wollte diesem Vorhaben ein Denkmal setzen – und das haben wir dann gemacht.

Was hat Sie gereizt?

Kluge Gepackt hat mich die absurde Idee Sergej Eisensteins, einen Film über ,Das Kapital’ machen zu wollen. Eisenstein wollte seinen Film nach dem Vorbild des Ulysses von James Joyce machen, also dem modernsten Roman, den es gibt: Kleinste Details sind Ausgangspunkt für komplexe Überlegungen. Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass ich ,Das Kapital’ nie ganz gelesen hatte. Also habe ich mir dieses Ökonomiebuch vorgenommen und als Filmemacher darin nach Bildern gesucht.

Was haben Sie gefunden?

Kluge Wir stießen zum Beispiel auf den ,Warenfetisch’. Das bedeutet, dass die Menschen durch ihre Arbeit ein Stück Leben in die Dinge geben, die sie produzieren. Leider erkennen die Menschen nicht, dass sie sich in den Dingen spiegeln. Das Beste von ihnen steckt in ihren Produkten. Dieses ,sich Mühe geben’ ist eine Errungenschaft der bürgerlichen Welt, das kannten die Menschen im Mittelalter noch nicht.

In mittelalterlichen Klöstern haben sich Mönche doch auch schon sehr viel Mühe bei der Arbeit gegeben.

Kluge Ja, aber das ,ora et labora’ in den Klöstern war eine Arbeit, die auf Wiederholung beruht, da ging es nicht darum, wer der Beste ist.

Der Konkurrenzgedanke ist also neu für die Moderne?

Kluge Dieser Elan bricht mit dem bürgerlichen Menschen hervor, und diesen Ehrgeiz, etwas gut machen zu wollen, hatte auch Marx. Als Analyst, der die Gesellschaftsentwicklung so genau beschreiben will, wie Darwin die Evolution, gibt Marx Orientierungspunkte.

Sie liefern in Ihrem Film Interviews, dokumentarische Bruchstücke, Musik, Assoziationen zum Kapital. Verbrämt das nicht die Radikalität in Marx’ Gedanken? Er wollte immerhin das Geld abschaffen, auch den Staat.

Kluge Das sind aber auch die Gedanken, denen ich misstraue. Wer Marx aufmerksam liest, stellt fest, dass Zweidrittel etwa des Kommunistischen Manifestes ein Hymnus sind auf die bürgerliche Welt und die Durchschlagskraft der Industriellen Revolution.

Aber Marx sieht darin nur die Vorstufe zu einer anderen Gesellschaftsform.

Kluge Da kommen wir zu einem zweiten Bild, das wir für unseren Film verwendet haben: Das Kapital schafft zwar Reichtum, aber es kann das Erreichte nicht verwahren, es nicht wie ein guter Hausvater für alle nutzbar machen. Das Kapital kann auch das Zerstörerische, das es mitproduziert, nicht aufhalten. Das ist die grundlegende Systemkritik von Karl Marx.

Sie stellen in Ihrem Film dem Soziologen Oskar Negt die gemeine Frage, was eigentlich drin stehe im Kapital. Was steht denn drin?

Kluge (lacht) Dieses Buch ist aufgebaut, als ob das Kapital, wenn es sprechen könnte, beschriebe, wie es funktioniert. Wenn das Kapital ,Ich’ sagen könnte, wie würde es sich erklären? Es steht nicht drin, wie Revolution funktioniert. Auch die Empörung über die Ausbeutung findet man eher in anderen Texten. Was Marx gut beschreibt, ist, dass das Kapital eine Wirklichkeit erzeugende Macht hat.

Worin besteht diese Macht?

Kluge Menschen können unter den historischen Bedingungen der Industriellen Revolution ihre Arbeitskraft nur im kapitalistischen Prozess verwirklichen. Aber sie haben keine Kontrolle über diesen Prozess. Ich möchte gern im Interesse meiner Kinder wissen, an welchem Punkt ein solcher blinder Prozess zum Beispiel auf den Ersten Weltkrieg zusteuert oder auf die jetzige Finanzkrise. Diese Entwicklungen müssen wir rechtzeitig verstehen. Und um dafür Aufmerksamkeit zu erzeugen, versehe ich in meinem Film Zitate von Marx mit dem Beiten, das ich kenne. Das ist zum Beispiel die Musik von Bellini oder Verdi. Sie ist gut genug, um die Begriffe zu putzen.

Sehen Sie denn nach all der Begriffspoliererei, die sie geleistet haben, eine Alternative zum Kapitalismus?

Kluge Ich kenne kein anderes System, das wirklichkeitsmächtig ist. Man kann sich ja vieles ausdenken, doch ich denke, wir sollten Paracelsus folgen. Der hat gesagt: ,In jedem Gift steckt ein Gegengift.’ Dieses Gegengift kann der Kapitalismus selbst hervorbringen. Der Kapitalismus hinterlässt noch oft Wüsten, aber es könnte auch anders sein, er könnte auch Gärten hinterlassen.

Mit welchem Düngemittel?

Kluge Wir müssen uns besinnen auf den bürgerlichen Charakter. Da gibt es um 1600 Menschen wie Galilei, Monteverdi, der hat die Oper erfunden, Leuwenhoek, der hat die Optik erfunden, brillante Macher und Denker, zuverlässige Menschen, die sich um Nachhaltigkeit bemühen. Das ist der Charaktertyp der klassischen bürgerlichen Elite, der sich heute etwa in einem Unternehmer findet, der sorgsam haushaltet und nicht an die Börse geht.

In Ihrem Film ist auch Helge Schneider zu erleben – als schräger Imitator von Karl Marx.

Kluge Ja, so ein Projekt darf nicht nur Schulstunde sein. Es braucht auch Eulenspiegel wie Helge Schneider, die mit großem Ernst komisch sind.

Quelle: RP

 
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