Interview: "'Das Leben der Anderen' ist ein Unterhaltungsfilm
zuletzt aktualisiert: 23.03.2006 - 08:00Berlin (rpo). Schon jetzt gilt der Stasi-Film "Das Leben der Anderen" als ein Höhepunkt des Filmjahres 2006. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat die Geschichte auch selbst geschrieben. Im Interview spricht er über Indiskretionen, Vertrauensbrüche und die Macht der Liebe.
Herr von Donnersmarck, wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über die Staatssicherheit zu drehen?
Henckel von Donnersmarck: Ich glaube, dass fast jeder Mensch die Stasi und ihre Methoden kennt - egal, ob in Ost oder West, in den USA oder Taiwan. Denn jeder weiß, was es bedeutet, wenn die Privatsphäre verletzt wird. Und jeder weiß, was es bedeutet, wenn Menschen wollen, dass man etwas Bestimmtes denkt, obwohl man es gar nicht denken will. Jeder Mensch hat also einen persönlichen Bezug zu diesem Thema. Und dieses Thema ist besonders gut und emotional am Extrem der Stasi zu schildern. Schließlich hat es so etwas wie die Stasi nie zuvor gegeben. Im Verhältnis Mitarbeiter zu überwachenden Personen war sie der größte geheimdienstliche Apparat der Geschichte - 300.000 Mitarbeiter für ein Volk von 17 Millionen Menschen. Gleichzeitig steht die Stasi für mich stellvertretend für institutionalisierte Übergriffigkeit. Das ist ein Begriff, den Psychologen vor ein paar Jahren geprägt haben. Damit werden zum Beispiel Eltern beschrieben, die ihren Kindern keinen Freiraum lassen. Man sieht den Griff in diese heilige Privatsphäre, die schon dadurch zerstört wird, dass sie überhaupt berührt wird. Das ist auch das Wesen der Stasi. Das war ein riesiger Apparat, der sich nur mit dem Leben der Anderen beschäftigte, mit Bereichen, die ihn gar nichts angingen.
Der Film ist aber nicht nur politisch...
Es ist kein vorrangig politischer Film, sondern ein Thriller, ein Melodram, ein Liebesfilm, der im Setting der DDR, im Setting eines totalitären Systems spielt. Dieses System schildern wir sehr authentisch. Innerhalb dieses Systems geht es aber hauptsächlich um die Menschen. Menschen sind überreich in ihren extremen Emotionen, gerade wenn es um Angst, Liebe, Treue oder Verrat und diese ganzen Fragen geht. Darin sind alle Menschen gleich. "Das Leben der Anderen" ist also ein Unterhaltungsfilm, in dem man hoffentlich lacht und weint. Er zielt nicht nur auf den Kopf, sondern auch auf das Herz. Mir ist es sehr wichtig, einen Film zu machen, der die Menschen emotional erreicht. Als Regisseur muss man auch immer die Zuschauerperspektive behalten, an den pädagogischen Film oder Thesenfilm glaube ich nicht.
Wie haben Sie für Ihren Film recherchiert?
Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich erst einmal anderthalb Jahre reine Recherche gemacht und mich mit Stasi-Leuten und Opfern getroffen, um mir beide Seiten der Geschichte umfangreich schildern zu lassen. Erst dann wusste ich so viel über dieses Thema, dass ich mir zutraute, spielerisch damit umzugehen. Es ist ja ein Spiel- und kein Dokumentarfilm. Das heißt, man muss Fakten und Zusammenhänge schaffen, die vollkommen authentisch sind, selbst wenn die Handlung fiktiv ist.
Das heißt, die von Ihnen geschilderte Geschichte könnte 1984 wirklich passierte sein?
Auf jeden Fall. Es gab verschiedene Fälle von hauptamtlichen Stasi-Mitarbeitern, die untreu wurden. Noch 1981 gab es eine Hinrichtung: Der Stasi-Hauptmann Werner Teske wurde durch einen Nachschuss in den Hinterhaupt umgebracht, nur weil er sich mit dem Gedanken trug, die Seiten zu wechseln. Dieser Prozess ist sogar auf Tonband festgehalten, wie alles, was die Stasi machte.
Sie haben es geschafft, mit Ulrich Mühe und Martina Gedeck renommierte Schauspieler zu verpflichten. Wie war die Zusammenarbeit?
Die war fantastisch. Das waren immer schon meine absoluten Lieblingsschauspieler. Ich war unbescheiden genug, sie einfach anzusprechen. Mich begeisterte, dass sie nicht schauten, wieviel Filme ich schon auf dem Buckel habe, sondern, ob ihnen das Drehbuch zusagt, ob da genügend Emotionen drin sind, um den Zuschauer zu erreichen. Denn wir wollen Emotionen erschaffen und den Zuschauer auf eine Reise mitnehmen. Diese tollen Schauspieler können einen immer wieder erstaunen. Man schildert ihnen, wie man etwas haben möchte, und sie spielen das und dann auch noch viel mehr - das ist das großartige an ihnen.
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