Kino-Kritik: Das Parfum: Riecht gut, aber duftet nicht
VON SEBASTIAN FELDMANN - zuletzt aktualisiert: 12.09.2006 - 18:02Düsseldorf (RP). Das Team Bernd Eichinger (Produktion) und Tom Tykwer (Regie) haben Patrick Süskinds internationalen Erfolgsroman „Das Parfum“ als Großproduktion verfilmt. Unter anderem mit Dustin Hoffman, Corinna Harfouch und Ben Wishaw.
Dies ist ein großer, beeindruckender, farbenreicher, von Kunst und Können übersprudelnder Film. Packend und unterhaltsam über seine Zweieinhalbstundenlänge. Wenn man den Roman gelesen hat - und sei es nur in Teilen -, möchte man sagen: kongenial.
Gedreht von Bernd Eichinger (Produktion) und Tom Tykwer (Regie), soll er 50 Millionen Euro gekostet haben und gilt insofern als teuerster deutscher Film aller Zeiten. Was insofern nicht stimmen kann, da Petersens „Das Boot“ oder Veit Harlans „Kolberg“ (1944/45) währungs- und inflationsbereinigt bestimmt daran heranreichen. Egal. Für die PR taugt’s. Der Auslandsverkauf des Films (entsprechend dem internationalen Erfolg des 1985 erschienenen Romans) lässt sich schon jetzt hervorragend an.
Kongenial - das heißt, der Vorlage entsprechend. Und die fiel damals ziemlich aus dem Rahmen des Üblichen. Eine Geschichte aus dem Königreich Frankreich des Rokoko, geschrieben heute im Geiste der Schauerromantik eines E.T.A. Hoffmann, versetzt mit drastischen Realismen wie von Victor Hugo. Süskind scherte sich einen Dreck um die damalige Nabelschau-Literatur Deutschlands, sondern schuf: Altmeisterliches. Obwohl auch darin viel Dreck vorkommt.
Keine hässliche Missgeburt
Das Team Tykwer, Eichinger und Andrew Birkin (Drehbuch) folgte nun - nach Zustimmung des scheuen Süskinds, der nicht mitmachen wollte - dramaturgisch sehr praktisch und treu der „Parfum“-Geschichte. Nur mit dem Unterschied, dass sie aus Jean-Baptiste Grenouille („Frosch“) keine hässliche Missgeburt wie im Roman machen wollten, sondern allemal doch noch einen ansehnlichen Jüngling. Zwar psychogestört und Mörder aus Leidenschaft, aber dennoch nicht zum Davonlaufen auf den ersten Blick.
Tykwer/Eichinger (Regie und Produktion sind bei diesem Produkt kaum voneinander zu trennen) rollen also ein bildmächtiges Panorama auf vom stinkenden Fischmarkt, der Sturzgeburt durch Jean-Baptistes Mutter über die Waisenhäuser des Kleinen bis zur Gerber-Lehre (wobei dem Jungen die Lohen nicht minder gestunken haben dürften als die Fische zuvor).
Jean-Baptiste jedenfalls bekommt eine Lehre beim Parfumeur Baldini, der ihn freikaufte (wunderbar nervös und konkurrenzgeängstigt: Dustin Hoffman), den er an Intuition und Sensibilität bald in den Schatten stellt. Doch auf seinen und Baldinis Lorbeeren will er sich nicht ausruhen.
Meisterhaft inszeniert
So wandert er nach Grasse im Süden, dem Zentralort neuester Parfum-Destillation. Dort bringt der Lust-Mörder, des Parfums, nicht der Körperlust wegen, schöne, junge Frauen um, deren Haut-Destillat er nach und nach zu einer unvergleichlichen Kreation verarbeitet.
Da erinnert er nicht nur von ferne an jenen - übrigens grotesk hässlichen -, von seiner Arbeit derart besessenen Juwelier Cardillac (E.T.A. Hoffmann: „Das Fräulein von Scúderi“), dass er seine Käufer ermordet, um seine Kunstwerke wiederzuerringen.
Grenouille treibt sein Wesen, bis er gefasst und fast hingerichtet wird: Sein allmächtiges Parfum wirft aber das exekutionsgeile Publikum auf den Boden (ähnlich den wenn auch wesentlich harmloseren Leuten auf den Foto-Installationen von Spencer Tunick) und in eine Orgie, die Jean-Baptiste befreit.
Das alles ist von Tykwer meisterhaft inszeniert. Oder sagen wir lieber: altmeisterlich. Einem gerade 41-Jährigen wie Tykwer hätte man - etwa nach „Lola rennt“, „Der Krieger und die Kaiserin“ oder „Heaven“ ein derart funktionierendes Werk, das an beste französische Tradition anknüpft, weder zugetraut noch abgefordert.
Allesamt gut
Das verblüffende Plus ist der wunderbare Hauptdarsteller Ben Whishaw aus England („Hamlet“ im Old Vic). Er, der nur alles riecht, bloß nicht selbst nach irgendwas; der nicht lieben oder geliebt werden kann: Whishaw spielt den fast wortlosen, hageren Gesellen mit seinem schönen, dennoch wie verzehrten Antlitz und seinem mageren Oberkörper zum Hin- und nicht wieder Wegschauen. Ein Virtuose minimalistischer Schauspielkunst.
Verkaufskalkül gebot, dass man außer Dustin Hoffman den Engländer Alan Rickman als ahnungsvoll-besorgten Vater eines der Opfer besetzte sowie Rachel Hurd-Wood, Jessica Schwarz und Corinna Harfouch, allesamt gut. Insgesamt ein großer Film. Bloß, irgendwas fehlt. Mehr Einsicht in die Seelen? Erschütterung? Trauer? Tränen über missleitete Leben? Dies ist ein Film, der gut riecht. Aber nicht duftet.
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