Der neue Film von Lars von Trier: Der Antichrist im deutschen Wald
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 09.09.2009 - 10:22Düsseldorf (RP). Lars von Triers neuer Film erzählt von einem Paar, das den Tod des eigenen Kindes verkraften muss und sich zur Überwindung der Trauer in den Wald begibt. Dort werden ihre Zwangsvorstellungen Wirklichkeit – in drastischen Sex- und Gewaltszenen. Eine grandiose Zumutung.
Vielleicht muss man den denkbar schrecklichsten Moment im Leben eines Elternpaars so schön filmen wie Lars von Trier, um den Zuschauer auf das Schicksal zu stoßen – um ihn fühlen zu lassen, was Grausamkeit ist. Denn das sind die ersten Minuten im neuen Lars-von-Trier-Film "Antichrist": erschreckend schön.
Zu Händels vollendet schlichter Trauerarie "Lass mich beweinen mein grausames Schicksal" lässt von Trier eine Kamera zwischen zwei Handlungsorten pendeln: dem Liebesakt eines Paares – erst in Andeutungen, dann unerwartet drastisch gefilmt – und dem Erwachen eines Kleinkindes, das aus dem Bettchen krabbelt, auf einen Schreibtisch klettert – und fällt. Es fällt aus einem geöffneten Fenster direkt hinter dem Schreibtisch, fällt den Schneeflocken entgegen, die in der Nacht in das Zimmer wehen, und die Eltern in ihrer Ekstase verhindern es nicht. Diese Schuld wird das Paar beherrschen. Und sie beherrscht diesen Film.
Doch Lars von Trier zeigt nur in diesen ersten, grausam poetischen Sequenzen, wie er mit Kamera, Schnitt, Musik, mit Schwarz-weiß-Ästhetik, Hypernahaufnahmen und Superzeitlupen umzugehen weiß. Mit zynischer Zärtlichkeit schafft er einen Ausgangspunkt, um seine Figuren in die Hölle zu treiben – und mit ihnen die Zuschauer.
Denn nach dem Unglück verwandelt sich Schuld in Trauer und stößt beide Eltern in sehr unterschiedliche Gefühlszustände. Die Mutter entgleitet in eine tiefe Depression, durchlebt Panikattacken, verfällt in Selbsthass. Der Vater, Psychologe von Beruf, flüchtet sich in die Analyse, und auch diese Rationalität ist erschreckend, weil sie so kalt und überheblich wirkt.
Leider beschließt der Mann auch, seine eigene Frau zu therapieren. Und so brechen beide auf in den Wald, mitten hinein in die Angstfantasien der Mutter. Doch bringt das keine Heilung, sondern böse Verhexung. Die leidende Mutter wird zur Furie, die ihren Mann verstümmelt. Charlotte Gainsbourg spielt diese Frau, katzenhaft unberechenbar und vöglein-verängstigt zugleich. Eine starke Leistung, wie sie in die Verschämtheit ihrer Figur etwas Unberechenbares mischt. Und Willem Dafoe gibt dem Vater das steinerne Gesicht eines Mannes, der sich gegen seine Gefühle gepanzert hat.
Schreckliche Szenen sind zwischen diesen beiden anzusehen. Lars von Trier kennt keine Gnade. Ungerührt zeichnet seine Kamera auf, wie die Frau das Geschlecht ihres Mannes zertrümmert, wie sie ihm ein Eisengewinde ins Bein rammt, einen Mühlstein daran schraubt, bevor sie die Gewalt auch gegen sich wendet. Man muss das benennen, um zu ahnen, was diese Bilder auslösen: Schock, Ekel, Widerwillen, Empörung.
Man kann sich auch in Lachen flüchten vor so viel zur Schau gestellten Obsessionen, Bild gewordenen Ängsten. Wer schon "Dancer in the Dark" oder "Dogville" bestürzend fand, sollte sich in diesen Film gar nicht erst wagen. Man kann Lars von Trier vorwerfen, dieser Film sei pornografisch, sadistisch, frauenverleumderisch, ein Splatter-Albtraum, den von Trier seinem Psychiater hätte zumuten sollen, nicht seinen Zuschauern. Der Film ist das alles, aber er stößt nicht ab, weil in diesen Bildern auch etwas ganz Stilles zu spüren ist: Einsamkeit.
Es ist die Einsamkeit eines Künstlers, der für Bilder lebt, der grandiose Filme gemacht hat, der aber kämpfen muss mit bildlichen Vorstellungen, die sich gegen ihn wenden und der allein ist, wenn die Depressionen kommen. Das zeigt dieser Film von Lars von Trier, wenn man es schafft, noch etwas anderes zu sehen als die offensichtliche Gewalt: Er zeigt, wie beistandslos Menschen sind, die sich in ihre Innenwelten wagen. Wie wenig sie dem gewachsen sind.
Doch hat diese Art der filmischen Selbsterkundung und Zumutung an jeden Zuschauer nur darum ihre Berechtigung, weil von Trier mit dem Blick in die eigenen Abgründe Kunst gelungen ist. So zwingend wie er ist noch keiner aus der wirklichen Welt in die Zwangsvorstellung geglitten. Hat noch keiner den Wald in einen mythischen Ort verwandelt, wenn es auch ohne das ein oder andere Symboltier gegangen wäre.
Lars von Trier liefert seine Zuschauer nicht seinen Albträumen aus, er liefert sich den Zuschauern aus. Wäre das Ergebnis nicht so bestürzend, man könnte das ein Geschenk nennen.
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