Michael Haneke räumt die Filmpreise ab: Der beste Regisseur Europas
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 13.12.2009 - 23:32Bochum (RP). Vielleicht sollte man einfach etwas selbstbewusster sein. Mit Michael Hanekes in den wichtigen Kategorien „Bestes Drehbuch”, „Beste Regie” und „Bester Film” völlig zu Recht ausgezeichnetem Meisterwerk „Das weiße Band” hat Europa eine Produktion vorzuweisen, die zu den großartigsten Werken gehört, die in den vergangenen Jahren weltweit ins Kino gekommen sind.
Die dunkle Macht der Geschichten Hanekes lässt sich am besten mit der Wirkung von Franz Kafkas Texten vergleichen: Es brodelt darin, von ihnen geht eine existentielle Beunruhigung aus, die am Ende nicht gelöst wird. Eben hat die Londoner Zeitung „The Times” Hanekes Vorgängerwerk „Caché” zum besten Film des ablaufenden Jahrzehnts gewählt.
So viel Größe also, und dennoch fühlte man sich bei der Gala zur Verleihung der Europäischen Filmpreise am Wochenende in der eindrucksvollen Jahrhunderthalle in Bochum ein bisschen kleiner, als man es müsste. Es begann damit, dass beim Begrüßungs-Vorgeplänkel zwar alle die Vielfalt Europas lobten, aber wie auf Knopfdruck von Deutsch auf Englisch umschalteten, als die Kameras, die das Ereignis fürs Fernsehen dokumentierten, mit der Übertragung anfingen.
Das führte dazu, dass etwa Dieter Gorny, künstlerischer Direktor von Ruhr.2010, mit geröteten Wangen immergrüne Parolen ausgab: „Culture through change and change through culture”. Er meinte damit natürlich das Ruhrgebiet, das vor dem internationalen Publikum beworben werden sollte.
In drei Wochen ist die Region Kulturhauptstadt, deswegen feierte die Branche ausnahmsweise hier und nicht in Berlin, auf dass alle Welt durch diese inoffizielle Auftaktveranstaltung für Ruhr.2010 merke, dass man nun in Kultur statt in Kohle mache. Aber wohlfeile und letztlich gefährliche Anpreisungen wie „das Ruhrgebiet versammelt mehr Kultur und Menschen als die Großräume London und Paris” möchte man 2010 bitte nicht mehr hören.
Sie bringen ja auch nicht viel. Der frühere Schalke-Manager Rudi Assauer war zwar da, die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg mochte indes ebenso wenig kommen wie die Hollywood-Größen Penelope Cruz und Kate Winslet. Alle drei waren für den Preis als beste Schauspielerin nominiert, Winslet bekam ihn für ihre Rolle als KZ-Aufseherin Hanna Schmitz in „Der Vorleser” nach dem Roman von Bernhard Schlink. Die 35-Jährige ließ den Regisseur des Films, Stephen Daldry, ihre Grüße verlesen.
Die Präsentatorin des Abends, eine großartig aufgelegte Anke Engelke, die selbstironisch durch die Veranstaltung führte, rettete die Situation. Sie stellte sich vor drei leere Sessel und flüsterte: „Cruz, Gainsbourg und Winslet sind so gute Schauspielerinnen, dass sie sogar Unsichtbare glaubwürdig darstellen können.”
Was die drei verpasst haben: eine eigentlich sympathische Show und den Auftritt von Isabelle Huppert, an der man sich gar nicht satt sehen mochte. Die 56-Jährige trug ein Kleid, das nur einen Arm hatte, und das womöglich nur eine Pariserin tragen kann, mit spöttischer Traurigkeit und bescheidener Eleganz, so wie die Muse von Chabrol und vielen anderen Autorenfilmern. Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff, der Huppert einen Ehrenpreis übergab, ärgerte sich, noch nie mit ihr gearbeitet zu haben.
Sehenswert auch der Film, der als „Europäische Entdeckung” ausgezeichnet wurde: „Katalin Varga” von Peter Strickland. Wenn nur eine Handvoll Zuschauer auf dieses intensive Drama um eine rumänische Mutter, die den Vater ihres Kindes sucht, aufmerksam gemacht wurde und es nun unbedingt sehen möchte, hat die Zwei-Stunden-Feier ihren Zweck erfüllt. Denn darum geht es beim Europäischen Filmpreis, der von der Europäischen Filmakademie unter Vorsitz von Wim Wenders vergeben wird: auf Filme von unserem Kontinent aufmerksam zu machen und das Selbstbewusstsein ihrer Macher zu stärken.
Von den „europäischen Oscars” sprechen manche gar, doch das ist sicher übertrieben. Regisseur Ken Loach, der für sein Lebenswerk geehrt wurde und just das heitere Werk „Looking For Eric” mit Ex-Fußballer Eric Cantona in der Titelrolle in die Kinos gebracht hat, sprach es an: „So viele Menschen können die meisten der heute ausgezeichneten Filme nicht sehen, weil sie kein Programm-Kino in der Nähe haben, das Autorenfilme unterstützt. Wir müssen weiter Druck machen.”
Loachs Ansprache ist sicher die eine wichtige Botschaft der Gala. Die andere: Der europäische Film muss sich nicht verstecken. Nicht mit diesen Machern und Werken, für die stellvertretend Michael Haneke und „Das weiße Band” stehen sollen. Man darf ruhig selbstbewusst auftreten. Der 67-Jährige bedankte sich für seine drei Preise übrigens auf deutsch.
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