"Baader-Meinhof-Komplex" kommt in die Kinos: Der kalte Blick auf den Terror zerstört RAF-Mythos
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 18.09.2008 - 09:37Düsseldorf (RP). In der nächsten Woche läuft der Film "Baader-Meinhof- Komplex" in den Kinos an. Er hat das Zeug, der Diskussion über die RAF eine neue Richtung zu geben. Denn es bleibt darin kein Raum mehr für revolutionäre Romantik.
Die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Herbst ist in eine neue Phase getreten. Aus der romantisierenden, weichzeichnenden ist sie in die rationale, kühle Phase übergegangen. Insofern ist die mit 20 Millionen Euro teuerste deutsche Produktion eine Sensation. Man kann es nächste Woche erleben, dann läuft „Der Baader-Meinhof-Komplex“ im Kino an.
Bisher wohnten wir Zuschauer dort illusionistischen Vorstellungen bei. Wir litten mit den Terroristen auf der Flucht und im Untergrund, wir ächzten mit ihnen unter der Last der Illegalität – in Volker Schlöndorffs Film „Die Stille nach dem Schuss“. Wir schauten fasziniert und auch ein bisschen amüsiert zu, wie RAF-Rädelsführer Andreas Baader im Gericht die ganz große Show abzog und dem Staat zumindest rhetorisch die lange Nase zeigte – in Reinhard Hauffs Doku-Spiel „Stammheim“. Oder wir ließen uns mitreißen von der Breitbeinigkeit der Revolution, vom Spiel der großen Gesten, vom umstürzlerischen Westernheldentraum der Kleinbürger-Söhne – in Christopher Roths biographischer Studie „Baader“.
Parasitäre Bilder
Diese Produktionen liefern parasitäre Bilder. Bilder, die von den Vorgaben der bekannten historischen Motive leben – das schäkernde und feixende Paar Baader-Ensslin als Angeklagte zum Beispiel –, sie aus dem Zusammenhang reißen und ihnen zu Wirkmächtigkeit verhelfen. Solche parasitären Bilder variieren die Posen der Revolte, die Selbstinszenierung, sie übernehmen das von den Terroristen Implizierte, tragen es weiter: „die Selbstfaszination durch die Selbstermächtigung zur Gewalttat“, wie Jan Philipp Reemtsma in seinem Buch „Vertrauen und Gewalt“ schreibt.
Der von Bernd Eichinger produzierte und von Uli Edel dirigierte Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ nach dem Buch des vormaligen „Konkret“-Journalisten, Meinhof-Bekannten und ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust bringt uns näher an die Wahrhaftigkeit. Er erreicht diese Wirkung, indem er sich als Kunstwerk zurücknimmt, sich bescheidet und bewusst als illustrierte Geschichte wirken möchte. Sein Ziel ist: neue Zeugenschaft. Unmittelbarkeit. Reinigung von Pathos und Theatralik. Der neue Diskurs.
Mit Holzlatten auf Demonstranten
Dabei sieht es am Anfang so aus, als gehe es auch bei Eichinger/Edel vor allem um Emotionen. 2. Juni 1967. Berliner Opernhaus. Der Schah. Die Demonstranten. Die Jubelperser. Sie dreschen mit Holzlatten auf die Demonstrierenden ein, die Polizei sieht zunächst nur zu, und man bekommt auch ein bisschen Wut und ganz viel Lust an jugendlicher Bewegtheit. Musik von The Who wird gespielt, „My Generation“ natürlich, Janis Joplin singt, und die Beatles sind mit „Dizzy Miss Lizzy“ dabei. Rock ’n’ Roll, man kommt allmählich gut drauf.
Aber dann passiert was in dem Film, im Zuschauer und demnächst ganz sicher auch in der öffentlichen Diskussion. Im folgenden gibt es keine Musik mehr, der Soundtrack der Revolution ist hier ein einziger Urschrei aus klickenden Waffenverschlüssen, Schmerzenslauten, zerreißenden Körpern, spritzendem Blut, warm gurgelndem Gedärm. Das wird ein ungeheuer brutaler Film, am Ende hat er sogar etwas von einem Splatter-Movie, Menschen werden reihenweise zersiebt, zerlegt, zerfetzt, geschändet, geschunden, und das zu zeigen ist sein Verdienst. Aus zarter Identifikation wird radikale Entfremdung.
Wer nur die schwarzweißen Originalbilder von Andreas Baader und Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe und den wie eingefroren wirkenden Tatorten und von weißen Laken wie von beschönigendem Raureif zugedeckten Opfern kennt, der vermag die Brutalität der Ereignisse nicht zu erahnen. Die historischen Fotos zeigen, dass etwas passiert ist oder etwas passieren wird. Weil die Wahrheit unvorstellbar ist, lassen sie Raum für Gespinste, für ein Angefixtsein durch die Revolution, für Rock ’n’ Roll, für den Mythos RAF.
Wie 25 Einschüsse einen Menschen töten
„Der Baader-Meinhof-Komplex“ ist ein Requiem, er zeigt haargenau, was passiert. Er zeigt an den originalen Schauplätzen, welche Wirkung die 119 Kugeln haben, die auf die Begleitmannschaft Hanns Martin Schleyers abgegeben wurden. Wie 25 Einschüsse einen Menschen töten, was dabei passiert, wie der Körper zuckt und zappelt, was dabei austritt, ausläuft, hervortritt, wie weh das tut. 34 Tote. Und der Film zeigt, wie sehr das Töten, das Außer-Kontrolle-Geraten die Physis und die Psyche der Aggressoren verändert. „Sind Sie das? Sind Sie Ulrike Meinhof?“, fragt der Beamte Martina Gedeck bei der Verhaftung und zeigt auf ein Foto von Ulrike Meinhof. Sie bricht weinend zusammen – ohne aus dem Auditorium Mitleid zu bekommen.
Johanna Wokalek, die Ensslin spielt, Martina Gedeck als Meinhof und Moritz Bleibtreu als Baader treten so attraktiv und sexy an, wie man sie kennt und sie nun mal sind. Im Laufe der zweieinhalb Stunden aber werden ihre Gesichter zu Visagen, zu Fratzen. Revolution machen ist nur noch sich selber hassen, die anderen fertig machen, kleinkariert denken, eifersüchtig sein, schreien, schreien, schreien. Ist nurmehr Gossen-Rhetorik, Phrasendreschen, Wort-Gespei. Man sieht der Zwangsernährung des RAF-Mitglieds Holger Meins zu, der sich bei 1,83 Metern Körpergröße auf 40 Kilo gehungert hat.
Wer das gesehen hat und auch noch erlebt, wie der Anwalt dem Sterbenden ein Kassiber von Ensslin vorliest, in dem es heißt „Runter!“ (mit dem Gewicht) und „Du bestimmst den Zeitpunkt deines Todes“, der denkt anders über das alles, als er es zuvor womöglich getan hat.
"Ändere die Welt, sie braucht es"
In Interviews haben die Schauspieler nach den Dreharbeiten des bis in kleinste Rollen prominent besetzten Films berichtet, wie nahe ihnen die Darstellungen gegangen sind. Man sieht das. Insofern nimmt die Produktion einen Grundgedanken der Brechtschen Lehrstück-Dramaturgie auf: Das Spiel ist nicht in erster Linie an die Zuschauer gerichtet, sondern an die Schauspieler selber. Politische Schulung als Ziel. Und indem die Gedecks und Bleibtreus die Meinhofs und Baaders nur spielen und nur zu sein versuchen und offensichtlich nicht sind, übertragen sie ihre Erfahrungen aufs Publikum.
„Ändere die Welt, sie braucht es“, heißt es in Brechts Stück „Die Maßnahme“, das die RAF-Mitglieder sehr schätzten. Hier klingt der Satz höhnisch. Die Terroristen hatten zeigen wollen, dass man was machen kann, was wirkt. Und sie verwandeln ihre Gruppe allmählich in ein hierarchisch geführtes mittelständisches Unternehmen mit offiziellem Geschäftsziel Umsturz.
Sie merken nicht, wie erst durch sie Gesetze verschärft, Leibwächter notwendig und Schießübungen für Polizisten intensiviert werden. Diesen Terroristen ist die Welt längst abhanden gekommen. Für sie ist nicht Menschlichkeit das Ideal oder Moral oder Freiheit, sondern Konsequenz. Und Konsequenz ist der Tod, auch der eigene, nur der nutzlose. Die Terroristen haben untereinander in Stammheim ein autoritäres Regime errichtet, eine negative Utopie verwirklicht wie in William Goldings „Herr der Fliegen“.
Kein besonders guter Film
So ist denn „Der Baader-Meinhof-Komplex“ kein besonders guter Film, wenn man cine-ästhetische Maßstäbe anlegt. Aber er ist ein wichtiger Film, der das Zeug hat, das Denken zu verändern und das Sprechen über den so genannten „Deutschen Herbst“. Er liefert die Chronik der Bilder bis 1977, die bisher nur schlaglichtartig in Einzeldaten beleuchtet worden sind. Das ist also ein kathartischer Film, der eine emotional geführte Diskussion befrieden kann. Alle Romantik wird grell ausgeleuchtet und vertrieben, alles Mythenhafte an der RAF schockgefroren und in tausend Teile zerhauen. Der Film wirkt.
In Austs Buch heißt es über Baader-Meinhof: „Wie viele in ihrer Generation waren sie angetreten gegen den alten und den angeblichen Faschismus. Mit Gewalt hatten sie diese tötende Welt zu verändern versucht, hatten sich selbst zu Herren über Leben und Tod gemacht und waren schuldig geworden wie viele aus der Generation der Väter.“
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