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Biografie-Verfilmung: Der unfassbare Bob Dylan

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.02.2008

Düsseldorf (RP). Biografie-Verfilmungen sind ein Trend in Hollywood. Todd Haynes führt das Genre nun mit „I’m Not There“ einen Schritt weiter: Sechs Darsteller, darunter Cate Blanchett, spielen darin den Musiker und Dichter Bob Dylan.

Ein kleiner Junge mit Lümmelschläue im Gesicht und Gitarrenkasten unterm Arm springt auf einen Güterzug. Im dunklen Waggon hocken zwei Landstreicher, denen er in befremdlich weisen Worten von seiner Musik erzählt – von der Macht seiner Gitarre, von der traurigen Seele des Blues. Später wird ein erschöpfter Poet vor einer Kommission aussagen, wird ein erfolgreicher Schauspieler seine Frau verlassen, wird ein bärtiger Aussteiger seinem entlaufenen Hund in den Wald nachjagen, wird ein kettenrauchender Sänger ein hochintelligentes, hypernervöses Interview geben. Alle diese Figuren werden Bob Dylan sein. Und auch wieder nicht.

„I‘m Not There“ hat Todd Haynes seinen Film über das Leben von Bob Dylan genannt – einen Künstler, der tatsächlich nicht da ist, weil er sich nicht festlegen lassen will auf einen Typ, eine Rolle. Haynes tut also das Naheliegende: Er lässt Dylan von sechs Darstellern spielen. Der naseweise Bengel Marcus Carl Franklin steht für Dylans Anfangszeit in New York, da er sich mit wilden Geschichten aus seiner biederen Mittelklasse-Herkunft hinweglog. Christian Bale übernimmt Dylans politisch-aufrechte Folkzeit, Ben Whishaw verkörpert als Poet im Verhör die grüblerische Seite des Dichter-Sängers. Heath Ledger zeigt den Macho-Dylan, der sich mit rüdem Gehabe aus der familiären Bindung befreit. Richard Gere steht als Aussteiger-Dylan für die Fluchten des Künstlers aus der Öffentlichkeit. Und Cate Blanchett spielt mit beängstigendem Verwandlungsgeschick den hypersensiblen Star am Scheitelpunkt, da er Drogen braucht, um den Druck des Ruhms und die Leere hinter der Starfassade auszuhalten.

Haynes schichtet Episoden aus den Lebenswegen dieser erfundenen Figuren und überlässt es dem Zuschauer, die Probe zu ziehen und einen Querschnitt zu bilden, der Bob Dylans Leben ergibt. Der Dylan-Fan wird jede Menge Zitate erkennen und sich über Anspielungen freuen. Für den Einsteiger dürfte die Geschichte einigermaßen verwirrend sein, doch wird auch er erkennen, wie typisch diese Episoden für Künstlerbiografien sind: ein bisschen Größenwahn, ein wenig Rollenkonflikt, Angst vor Misserfolg und so fort.

Biografien zu verfilmen ist ein neuer Trend in Hollywood. Sogar mit eigenem Namen wartet das Genre inzwischen auf: Biopic – Biographical Picture werden die Lebensweg-Adaptionen genannt. Erfolgreich waren die Filme etwa über Ray Charles oder Johnny Cash bisher vor allem wegen der mimetischen Leistung ihrer Hauptdarsteller. Denn es ist nun mal eine Lust zu erleben, wenn ein Schauspieler einem Vorbild unheimlich ähnlich wird, plötzlich singt wie Cash oder den Blinden spielt, als habe er sich immer tastend durch die Welt bewegt. Erzählt wurden die Geschichten jedoch bieder nach chronologischer Dramaturgie von Aufstieg und Fall.

Nur bekannte Muster

Neuerdings folgen gewagtere Erzählversuche. In „La Vie en Rose“ verzahnt Olivier Dahan den Weg zum Ruhm der Edith Piaf mit ihren letzten Lebensjahren. Gus Van Sant inszeniert in „Last Days“ das Sterben Kurt Cobains wie einen einzigen narkotischen Nirvana-Song, und Anton Corbijn blättert in „Control“ in edeltristen Schwarz-Weiß-Bildern durch die letzten Tage des Joy-Division-Sängers Ian Curtis.

Todd Haynes geht nun mit „I‘m Not There“ noch einen Schritt weiter, weil er neue Figuren erfindet, die für Motive in Dylans Leben stehen. Obwohl das intelligent und kenntnisreich gemacht ist, sieht der Zuschauer in diesem Biografie-Kaleidoskop allerdings auch nur wieder die bekannten Muster beim Werden und Vergehen von Stars. Das aufwendige Zersplittern eines Lebensweges ergibt also Scherben, die hübsch glitzern, aber kein neues Bild ergeben. Viel Aufwand für wenig Erkenntnis.

Trotzdem fesselt der Film, denn da ist ja auch noch die Musik. Zu hören sind Dylan-Klassiker wie „All Along The Watchtower“, aber auch weniger Bekanntes wie der Titelsong „I’m Not There“, interpretiert von so unterschiedlichen Künstlern wie Mira Billotte, Jack Johnson, der Gruppe Sonic Youth. So ist auch die Musik eine Brechung des Originals – umspielt mit ihren Mitteln einen Künstler, der nie da ist. Und auch nach diesem Film um sein Nirgendwo nicht fürchten muss.


 
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