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Berlinale 2006: Deutsche Filme: Enttäuschend bis extrem

zuletzt aktualisiert: 15.02.2006 - 14:40

Berlin (rpo). Gleich vier deutsche Filme laufen im Wettbewerb der Berlinale. Während "Elementarteilchen", der mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht war, eher enttäuschte, gilt "Der freie Wille" als aussichtsreicher Kandidat für den Goldenen Bären. Das verstörende Werk mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle gehört zum Härtesten, was der deutsche Film seit Jahren auf die Leinwand gebracht hat.

Jürgen Vogel geht in "Der freie Wille" in der Rolle eines Triebtäters an darstellerische Grenzen.  Foto: ddp
Jürgen Vogel geht in "Der freie Wille" in der Rolle eines Triebtäters an darstellerische Grenzen. Foto: ddp

Schon im Vorfeld der 56. Berlinale hat der deutsche Film viel Beachtung gefunden. Gleich vier Streifen haben die Hürde in den Wettbewerb um die Bärenpreise genommen, so viele wie 2002, der ersten Berlinale-Ausgabe von Festivalchef Dieter Kosslick.

Die drei bisher gezeigten deutschen Beiträge "Elementarteilchen", "Der freie Wille" und "Sehnsucht" belegen eine neue Vielfalt an künstlerischen Ansätzen und Genres. Sie wurden zwar vom Fachpublikum unterschiedlich aufgenommen, bescherten den Filmfestspielen aber auch schon einen Bären-Favoriten. Allerdings steht mit "Requiem" von Hans-Christian Schmid, der Chronik einer Teufelsaustreibung in einer schwäbischen Kleinstadt, noch ein vielversprechender deutscher Beitrag aus, der erst am Freitag ins Rennen gehen kann.

Lange Gesichter gab es bei Oskar Roehlers "Elementarteilchen", der seinen großen Vorschusslorbeeren nicht gerecht wurde. Für die Verfilmung des Skandal-Weltbestsellers von Michel Houellebecq versammelten Roehler und die Produzenten Bernd Eichinger und Oliver Berben so viel deutsche Schauspielerprominenz, dass auf dem Plakat nur die Nachnamen Platz finden: Bleibtreu, Ulmen, Gedeck, Potente, Hoss usw.

Weichgespült und entschärft

Leider hat Roehler, sonst ein Spezialist für exzessive Inszenierungen, die provokative Vorlage so weichgespült und in sexueller Hinsicht entschärft, dass die abenteuerlichen Episoden im Leben zweier höchst unterschiedlicher Brüder mit Ausnahme einer intensiven Schlussszene mit Martina Gedeck weitgehend vorbeiplätschern. Wenigstens sorgten einige schwarzhumorige Dialoge und satirische Zuspitzungen der absurden Selbsterkundungstrips der 70er Jahre für Lacher.

Zu lachen gab es dagegen in "Sehnsucht", dem zweiten Film der jungen Regisseurin Valeska Grisebach, fast nichts. Sie erzählt von einem jungen Schlosser, der mit seiner Frau, die er schon seit Kindheitstagen kennt, glücklich in einem kleinen brandenburgischen Dorf wohnt. Bei einem Lehrgang mit der Feuerwehrbrigade lernt er eine hübsche Kellnerin kennen. Die Affäre bringt das gesamte persönliche und soziale Gefüge des Schlossers aus dem Gleichgewicht.

Grisebach, die für ihren Debütfilm "Mein Stern" vor fünf Jahren viel Kritikerlob bekam, hat die konventionelle Story über ein Liebesdreieck nach wochenlangen Proben mit Laiendarstellern in Szene gesetzt. Bei allem Respekt für den experimentellen Ansatz und die handwerklich solide Inszenierung mit dokumentarischem Touch: Die Ausdruckskraft der Amateure reicht doch nicht an die von professionellen Schauspielern heran, so dass das sensible kleine Melodram mit der internationalen Wettbewerbskonkurrenz nicht Schritt halten kann.

Dafür hat sich Matthias Glasner ("Sexy Sadie") mit dem pessimistischen Psychogramm "Der freie Wille" über die verquere Liebesbeziehung zwischen einem verurteilten Mehrfach-Vergewaltiger und einer jungen Köchin als Anwärter für den Goldbären etabliert. Jürgen Vogel geht in der Rolle des Triebtäters an darstellerische Grenzen, während Sabine Timoteo ihren Ruf als Spezialistin für Extremfiguren gerecht wird.

"Der freie Wille" ist mit 163 Minuten nicht nur der längste Film im Wettbewerb, sondern bisher auch derjenige, der am meisten riskiert. Ausführlich gezeigte Vergewaltigungen, die groteske Racheaktion eines früheren Notzuchtopfers an der jetzigen Freundin des Täters und die erlösende Schlussszene am nächtlichen Strand gehören zum Härtesten, was der deutsche Film seit Jahren auf die Leinwand gebracht hat. Auch wenn der Film über den "Terror der Einsamkeit" (Glasner) durch einige Kürzungen noch dichter geworden wäre - Glasners hochkomplexe Psychostudie ließ selbst hartgesottene Kritiker erst mal schweigen und wird noch für heftige Diskussionen über die Frage sorgen, wie die Gesellschaft mit unheilbaren Sexualstraftätern umgehen soll.

Quelle: afp

 
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