Hollywood kam nicht zur Berlinale: Deutscher Film weiterhin auf Erfolgskurs
zuletzt aktualisiert: 21.02.2005 - 08:30Berlin (rpo). Bei den 55. Internationalen Filmfestspielen konnte der deutsche Film auch in diesem Jahr Erfolge verbuchen: Für "Sophie Scholl - Die letzten Tage" erhielten der Regisseur Marc Rothemund und die Hauptdarstellerin Julia Jentsch jeweils einen Silbernen Bären. Der Hauptpreis ging an die südafrikanische Produktion "U-Carmen eKhayelitsha". Dass dieser Film unter den 22 Wettbewerbsbeiträgen gewann, wurd sowohl verwundert wie kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen.
Denn diese eigenwillige Version der Bizet-Oper, angesiedelt in einer südafrikanischen Township und in der Landessprache Xhosa gesungen, stand weder bei den Kritikern noch beim begeisterungsfähigem Berliner Publikum ernsthaft auf der Rechnung. Immerhin hat nun auch Afrika seinen ersten Berlinale-Gewinner. Vielleicht war das die wichtigere Botschaft der vom Hollywood-Schwaben Roland Emmerich geleiteten Jury. Keinen Zweifel kann es jedoch über die Berechtigung des Triumphs für die gerade 27 Jahre alt gewordene Julia Jentsch geben.
Die Richterstochter aus Berlin, die an den Münchner Kammerspielen verpflichtet ist, ist mit ihrer ergreifenden Verkörperung der 1943 hingerichteten Widerstandskämpferin Sophie Scholl zum neuen Gesicht des deutschen Films geworden. Jentsch hatte bereits im Vorjahr in dem deutschen Cannes-Beitrag "Die fetten Jahre sind vorbei" gezeigt, mit welcher Intensität sie vor der Kamera agiert. Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der im vierten Jahr seiner Amtszeit manch berechtigte Kritik einstecken musste, lag ganz richtig, als er die Preisvergabe an die zierliche, eherwortkarge Schauspielerin mit den Worten kommentierte: "Ein Star ist geboren".
Vorverlegung der Berlinale wird diskutiert
Wenn "Sophie Scholl - Die letzten Tage" in Kürze (ab 24. Februar) in die Kinos kommt, wird sich ganz Deutschland davon überzeugen können. Und auch von der Fähigkeit des 36-jährigen Regisseurs Marc Rothemund, nicht nur seichte Kinokomödien wie "Harte Jungs" inszenieren zu können. Rothemunds Regie-Bär war nicht ganz unumstritten. Doch wie er mit dem Drehbuchautor Fred Breinersdorfer einen unbelasteten Blick auf das Martyrium der Sophie Scholl gewagt hat, die lebenslustige Studentin als unerschütterlich ihrem Volk und ihrem christlichen Glauben verpflichtet zeigt, das hat filmische Klasse und wird viele Besucher zu Tränen rühren, deren sie sich nicht zu schämen brauchen.
Durchaus überzeugt haben auch die anderen deutschen Filme auf der Berlinale, vor allem Christian Petzolds traurig-poetisches Drama "Gespenster" und Andreas Dresens hintergründige Roman-Verfilmung "Willenbrock". Sehr viel weniger überzeugend war das Niveau des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs. Der von Kosslick gepriesene Eröffnungsfilm "Man to Man" war ein schlimmer Missgriff, einige Enttäuschungen folgten. Und das nicht mehr ganz so allmächtige Hollywood hatte nur Randproduktionen an die Spree geschickt.
Die Vorverlegung der Oscar-Verleihung auf Ende Februar schadet der Berlinale enorm: Attraktive Filme wie "Aviator" von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio oder "Million Dollar Baby" von und mit Clint Eastwood fielen damit für einen Festival-Einsatz aus. Das senkt natürlich auch den vielbeschworenen Glamourfaktor, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen blieben die aktuellen Superstars der Branche in der kalifornischen Sonne. Es gibt schon Forderungen, die Berlinale auf Mitte Januar vorzuverlegen. Kälter als in diesem Februar wird es dann auch nicht sein. Dieter Kosslick und sein Team sind gefordert.
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