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Auftakt mit Rolling Stones: Die Berlinale rockt

zuletzt aktualisiert: 08.02.2008 - 14:03

Berlin (RP). Zum ersten Mal in ihrer Geschichte eröffneten die Filmfestspiele in Berlin mit einer Doku: Martin Scorseses Konzertfilm über die Rolling Stones. Die Rocklegenden kamen zur Premiere und verliehen der Berlinale Glamour. Das künstlerische Niveau muss sich in den nächsten Tagen erweisen.

Sie kamen in dunklen Anzügen, Mick Jagger ein seidenes Tuch um den Hals, Keith Richards ein Hippi-Tuch im Haar, als seien sie brave Konzertbesucher - nicht Rocklegenden. Doch so zahm das Outfit - sie waren die Helden des Abends, die eigentlichen Stars der Stars. Neun Monate hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick verhandelt und taktiert, um sie zur Eröffnung der Filmfestspiele nach Berlin zu holen - die Rolling Stones, die vier Männer, die den Rock ’n’ Roll ins Gesicht geschrieben haben - in jede Falte ihrer verwüsteten Mienen. Und so wanderten die vier Ikonen gelebter Rockgeschichte über den roten Berlinale-Teppich zur Premiere von „Shine a Light“ - Martin Scorseses aufwendig gedrehten und meisterhaft geschnittenen Film über zwei Konzerte der Band - und gaben der Hauptstadt, was sie an Abenden wie diesen braucht: das Gefühl, von Weltstars beachtet zu werden, Glamour-Metropole zu sein wie Hollywood oder Cannes, ein wenig rauer vielleicht, aber nicht weniger attraktiv. Herbe Schönheiten sind oft die eitelsten.

Zum Dank für den Stones-Besuch eröffnete die Berlinale also diesmal nicht mit einem Spielfilm, setzte kein erstes Signal, was inhaltlich wie ästhetisch bei den 58. Filmfestspielen zu erwarten ist. Lieber feierte das Festival seinen Rocker-Coup, lieferte Stars zum Film, statt einen Film zum Star zu machen. Und weitere namhafte Musiker plus Film haben sich für die nächsten Tage angesagt: Madonna, Patti Smith, Neil Young zum Beispiel.

Damit nimmt die Berlinale einen Trend auf, der mit der Verfilmung von Musiker-Biografien etwa über Ray Charles oder Johnny Cash begonnen hat. Bald wird Todd Haynes’ extravagantes Werk über Bob Dylan folgen.

Musik und Film - das passt zusammen, weil Künstler oft filmreife Karrieren durchleben, mit Aufstieg aus schwierigen Verhältnissen, glanzvollen Jahren des Ruhms und jähem Absturz. Davon lässt sich trefflich erzählen und den Soundtrack zum Drama liefern die Musiker gleich mit. Fans natürlich auch - als garantiertes Publikum an der Kinokasse. Umgekehrt schaffen gute Konzertfilme neue Anhänger für die Bands, beide Seiten profitieren.

So ist in Berlin in diesen Tagen also zu erleben, wie zwei Branchen zueinander finden, die in Krisen stecken. Die Musikindustrie verzeichnet zwar ungebrochenes Interesse an ihren Produkten, doch zahlen will der Kunde nicht mehr. Musik wird raubkopiert, getauscht, für wenig Geld aus dem Internet geladen. Schon ist der Abgesang auf die CD angestimmt. Der Filmindustrie geht es kaum besser. Etwa 125 Millionen Menschen gingen im vergangenen Jahr ins Kino, 11,3 Millionen weniger als im Jahr zuvor, das entspricht einem Rückgang um 8,2 Prozent. Nein, 2007 war kein gutes Jahr für den Film. Doch von depressiver Stimmung ist in Berlin nichts zu spüren. Im Gegenteil. Von Aufbruch ist die Rede, ein trotziges Es-kann-nur-besser-werden liegt in der Luft. „Für uns ist die Berlinale das wichtigste Festival”, sagt Thorsten Ritter, Leiter der Bavaria Film International, des größten Spielfilm Weltvertriebs in Deutschland. „Das liegt zum einen daran, dass wir als deutsches Unternehmen in Berlin ein Heimspiel haben und auch daran, dass die Berlinale im Februar günstig liegt - sie ist eine Startplattform für das Jahr.” Die Hälfte der Geschäfte bringt die Bavaria bei der Berlinale auf den Weg.

Dass die Festspiele weniger mondän sind als etwa die in Cannes, interessiert da wenig. „Cannes ist protokollgetriebener, da muss man sich für jede Premiere verkleiden”, sagt Ritter, „in Berlin gibt es weniger Standesdünkel, da kommt auch ganz normales Publikum in die Vorführungen, und man kann beobachten, welche Dynamik ein Film entfaltet.”Auch für Film-Manufakturen wie Little Shark Entertainment in Köln ist die Berlinale attraktiv. „Sie ist das europäische Treffen, um über Stoffe zu diskutieren und mögliche Koproduzenten zu finden“, sagt Tom Spieß von Little Shark. Er findet die Berlinale charmanter als etwa Cannes, weil es in Berlin nicht so viele ausgrenzende Regularien gebe. Daher sei es viel leichter, Kontakte zu bekommen.

Eine feste Institution dafür ist der European Film Market (EFM), Drehscheibe für alles Geschäftliche bei der Berlinale. Warum Produzenten und Verleiher ausgerechnet zur Berliner Rechtemesse kommen, darauf hat die Leiterin des EFM eine knappe Antwort: „Weil sie gute Filme suchen“, sagt Beki Probst, „der deutsche Film hat einen enormen Aufschwung genommen, inzwischen interessieren sich Fachleute in aller Welt dafür.“ Angefangen habe dieser Bedeutungsgewinn etwa mit Tom Tykwers Film „Lola rennt“ (1998). „Lola hat die Türen geöffnet“, so Probst.

Keine Frage, die Berlinale hat sich allein dank ihrer Frühjahrs-Terminierung zum wichtigen Branchentreff gemausert. 6000 Fachbesucher haben sich in diesem Jahr angesagt, 10 Prozent mehr als 2007, 3800 Journalisten aus aller Welt sind akkreditiert. Künstlerisch dagegen muss das Festival seinen Stellenwert noch immer behaupten. Der Berlinale-Mix der vergangenen Jahre zeigte viel Pragmatismus, zu wenig cineastische Leidenschaft: ein bisschen Hollywood, ein bisschen politisches Kino und dazu schlechte Kompromisse wie das zweifelhafte Werk „Bordertown“, das nur deswegen in den Wettbewerb durfte, damit Jennifer Lopez über den roten Teppich stöckelte. So setzt man keine Maßstäbe.

Doch könnte es in diesem Jahr besser werden. Sind doch Filme im Wettbewerb wie „Julia“ von dem französischen Regisseur Erick Zonca. Der hat Cineasten schon mit zwei anderen Werken begeistert und konnte Tilda Swinton für die Hauptrolle gewinnen. Die spielt - so ist zu hören - mit brutaler Authentizität die Rolle einer jungen Alkoholikerin, soll also erschreckend gut sein. Oder Lance Hammer. Der amerikanische Regisseur hat im Mississippi-Delta mit Laiendarstellern ein Sozialdrama gedreht. Auch „Ballast“ könnte zeigen, was ein Festival liefern muss: starke Themen, künstlerisch ebenso stark umgesetzt - Filme also, die sich nicht bemühen, nicht nur gute Absichten haben, sondern so eindringlich oder ungewöhnlich Geschichten erzählen, dass man sie nicht vergisst. Ob die Berlinale 2008 dieses Niveau erreicht, wird in den nächsten Tagen zu beobachten sein. Der Auftakt jedenfalls war in Kosslicks Sinne: Er hat gerockt.


 
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