Sehenswert: Die Facebook-Saga im Kino
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 07.10.2010 - 08:26(RP). US-Regisseur David Fincher erzählt in "The Social Network" die Geschichte des 26-jährigen Multi-Milliardärs Mark Zuckerberg. Der Gründer des sozialen Netzwerks Facebook hat auf der Leinwand zwar schlechte Eigenschaften. Stolz sein kann er auf die Produktion dennoch.
Dieser sehenswerte Film trifft ein Lebensgefühl. Bereits vor der New Yorker Uraufführung am 24. September wurde über ihn diskutiert, und seit dem offiziellen Kinostart in den USA am Wochenende schlägt er alle Kassenrekorde. Die Hälfte seiner 40 Millionen Dollar Herstellungskosten hat er bereits eingespielt – binnen weniger Tage.
Dabei steht im Mittelpunkt kein historisches Firmenimperium wie das der Krupps, sondern eine Kommunikationserscheinung unserer Zeit. Der Held dieser Geschichte wirkt wie ein Jedermann, ein unscheinbarer junger Kerl von 26 Jahren: Es geht in "The Social Network" um Mark Zuckerberg, den Begründer von Facebook, ein Wirtschaftsboss der neuen Generation. Sein Vermögen wird auf 6,9 Milliarden Dollar geschätzt.
Die ersten Minuten von David Finchers Produktion, die die Entstehung des Online-Netzwerks Facebook beschreibt, lassen eine Abrechnung befürchten. Der Harvard-Student Mark (gespielt von Jesse Eisenberg, der Zuckerberg verblüffend ähnlich sieht) trifft sich mit einer Kommilitonin, ein romantisches Date soll das werden.
Aber Mark umschmeichelt die Angebetete nicht, er macht keine Komplimente. Stattdessen lobt er sich selbst. Was für ein toller Kerl er doch sei, wird er nicht müde zu betonen, wie erfolgreich er bald sein werde, und dass sie sich an ihn halten solle. Er möchte, dass sie weiß: Wenn sie jetzt nicht zugreift, bekommt sie nie wieder eine Chance.
Sie greift indes nicht zu, sondern steht auf und geht. Dieser Mark Zuckerberg ist kein Frauenversteher, sondern ein Nerd, einer, der sich mit Computern besser auskennt als mit der Zwischenmenschlichkeit. Das muss nicht bedeuten, dass das Publikum ihn ablehnt. Immerhin leben Millionen von Amerikanern mit eben diesen Schwierigkeiten.
Selbst die eine oder andere Zuschauerin wird denken: Männer sind so, und vielleicht ändert er sich ja noch. Dass er Frauen nicht versteht, ist gar die Grundlage seines beruflichen Erfolgs: Als er mit Kommilitonen im Herbst 2003 unautorisiert Bilder von Studentinnen ins Internet stellte, um sie bewerten zu lassen, brach das Netz zusammen, so stark war der Andrang. Jeder wollte mitreden auf Facebook, sein eigenes Profil installieren oder die Profile anderer studieren.
Zugegeben: Der Film-Zuckerberg hat ein paar mittelschlechte Eigenschaften. Abstoßend oder lächerlich ist er jedoch nie. Deshalb sieht der echte Zuckerberg offenbar auch keinen Grund, juristisch oder mit einer Internetkampagne gegen die Produktionsfirma Sony Pictures vorzugehen. Zuckerberg soll im Gegenteil sogar Sondervorstellungen für seine Mitarbeiter arrangiert haben.
Wenn man es genau betrachtet, hat er allen Grund, auf den Film stolz zu sein: Seine schlechten Manieren beschränken sich auf die Unfähigkeit, anderen zuzuhören. Wenn ihn ein Gespräch nicht interessiert, sogar ein Gespräch mit Sponsoren, dann schläft er demonstrativ ein. Ein Genie darf so etwas tun. Und der Film stellt ihn als solches dar.
Heftige Kritik hat der Facebook-Verwaltungsrat Peter Thiel geübt. Thiel, der mit zehn Prozent an dem Unternehmen beteiligt ist, glaubte Zuckerberg gegen den Film verteidigen zu müssen: Er sei gar nicht so geldgierig. Aber diesen Eindruck erweckt der Film in keiner Sekunde. Er zeichnet Zuckerberg als Träumer, der bescheiden lebt und sich unauffällig kleidet. Zuckerberg, der ein paar Semester Psychologie studiert hat, hält das Konzept der Privatsphäre für überholt. Diese Auffassung muss man nicht teilen, sie scheint jedoch von Herzen zu kommen und ist in keiner Weise profitorientiert.
Die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss behaupten etwas anderes. Sie bezeichnen sich als über den Tisch gezogene Mitbegründer des sozialen Netzwerks und werfen dem Film Idealisierung vor. Zuckerberg sei skrupellos. Sie gehen nun gerichtlich gegen die Darstellung des ehemaligen Freundes auf der Leinwand vor.
Die Kontroversen werfen die Frage auf: Ist dieser Film über eine unerhörte Begebenheit aus der unmittelbaren Gegenwart brisant? Wird man wochenlang über ihn diskutieren? Das ist zu bezweifeln, denn trotz der vielen stimmigen Details behandelt Fincher nicht das gesellschaftliche Phänomen Facebook, sondern – ganz klassisch – den Verrat in der Freundschaft.
Mark Zuckerberg verlässt seinen besten Freund für Sean Parker, den Mitbegründer von Napster. Parker war Präsident von Facebook bis ein Kokain-Skandal ihn zum Rücktritt zwang. Er kann sich glücklich schätzen: Ihn verkörpert mit Justin Timberlake ein aktueller Superstar, der auch noch schauspielerisch zur Höchstform aufläuft.
Es bleibt abzuwarten, ob "The Social Network" denselben Kultstatus erlangen wird wie Finchers legendärer Film "Fight Club". Mark Zuckerberg ist trotz seiner Milliarden ein Junge von Nebenan geblieben. Von dem ausgebooteten Freund erfährt man im Nachspann, dass er eine stattliche Abfindung erhalten hat.
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