Neu im Kino: "Anonyma": Die Hölle nach dem Krieg
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 22.10.2008 - 15:08Düsseldorf (RP). Hunderttausende Frauen erlitten in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee - eine von ihnen schrieb ihre Erlebnisse nieder. Nina Hoss spielt diese "Anonyma". Ab Donnerstag im Kino.
Als die Russen kommen, zittert der Boden. Die blonde Bildungsbürgertochter, intelligent, schön, sprachbegabt, hockt mit den anderen Frauen, Kindern, älteren Männern aus ihrem Haus im Keller und spürt die Panzer, hört die Soldaten der Roten Armee, die oben Berlin in Besitz nehmen, Straße um Straße, Haus um Haus – bald auch Frau um Frau.
Es war nie ein Geheimnis, dass es Massenvergewaltigungen gegeben hat beim Einmarsch der Roten Armee in Berlin. Doch lange verbarg sich das Elend der Frauen hinter diesem Schlagwort "Massenvergewaltigung", wollte niemand Konkretes wissen über ihr Schicksal in den letzten Wochen des Krieges und danach. Aus Furcht vor Stigmatisierung haben die Vergewaltigten geschwiegen; sie mussten weiterleben mit ihren Männern, wenn sie zurückkamen aus dem Krieg. Und weil es aufwärts gehen sollte im Land, hat sie niemand gefragt.
Dabei gab es Zeugnisse. Etwa das Tagebuch einer jungen Frau aus Berlin, die erschütternd unsentimental ihr Schicksal aufgeschrieben hat: Wie sie vergewaltigt wird, mehrfach, von einfachen Soldaten. Wie sie versucht, wieder Macht über ihr Leben zu gewinnen, indem sie sich selbst höhere Soldaten sucht, bald einen Offizier, der ihr Essen verschafft – und Sicherheit vor den eigenen Untergebenen. Wie sie schließlich ihrem Mann, dem Heimkehrer von der Ostfront, wieder gegenüber steht, ihm ihr Tagebuch zu lesen gibt – und ihn darum verliert. "Ihr seid schamlos", mehr hat er nicht zu sagen.
2003 brachte Hans Magnus Enzensberger dieses Tagebuch unter dem Titel "Eine Frau in Berlin" auf den deutschen Markt. Es wurde ein Bestseller, obwohl es Zweifel an der Authentizität des verständlicherweise anonym erschienenen Textes gibt.
Denn schon 1954 veröffentlichte Kurt Marek das Buch in den USA, ein Schriftsteller also, der unter dem Pseudonym C. W. Ceram mit Bestsellern wie "Götter, Gräber und Gelehrte" bereits sein Talent für die populäre Darstellung von Geschichte bewiesen hatte. Ob er den Text überarbeitet hat, ist bis heute unklar, über die Identität der Schreiberin wird spekuliert, doch das ist gewiss: Das Buch berichtet bestürzend offen über das, was in den Trümmern Berlins außer Steineklopfen noch geschah, mit einer Lakonie, einer fast aggressiven Schnoddrigkeit – mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die "überleben wollte um jeden Preis".
Nun hat sich Regisseur Max Färberböck diesen Stoff vorgenommen. Zum Glück konnte er Nina Hoss für die Hauptrolle gewinnen, denn ihr gelingt es, zugleich Opfer und doch selbstbestimmt Handelnde zu sein.
Eine Mutige, eine Pragmatikerin, keine Heroin. Auch hält diese Schauspielerin es aus, wenn die Kamera nach einer der Vergewaltigungen sekundenlang auf ihrem Gesicht verharrt und beobachtet, wie sich darin Ekel in kalte Wut, in Stumpfheit verwandelt. Das ist Schauspielkunst.
Dennoch kann der Film etwas Kulissenhaftes nicht abstreifen. Allzu heutig wirken die Gesichter, die da schuttgrau aus dem Keller blicken. Juliane Köhler, Sandra Hüller, Jördis Treibel sind Stars aus dem Hier und Jetzt, die sich so leicht nicht zeitversetzen lassen. Ein Phänomen, wie es auch im RAF-Film zu erleben ist: Die prominente Besetzung kehrt sich gegen den Film, lässt Ausstattung wie Verkleidung wirken.
Außerdem muss es im Film eben schnell gehen. Gerade flüchteten die Frauen noch vor stiernackigen Soldaten durch die Kellergewölbe, schon sitzen sie mit denselben Russen am Tisch und essen teuer erkaufte Bratkartoffeln. Andererseits hat der Film auch Längen, wenn er sich etwa viel zu viel Zeit nimmt für die Feier der Kapitulation durch grölende Rotarmisten auf der Straße und deutsche Opportunisten im Haus.
Trotzdem ist "Anonyma" ein wichtiger Film, denn die Schändung von Frauen im Krieg ist ein zeitloses Phänomen – und das Schweigen darüber auch. Zu zeigen, wie Frauen sich gegen die größte Erniedrigung durch Abstumpfung zu immunisieren versuchen, wie sie in den Alltag integrieren, was nicht zu integrieren ist, das ist "Anonymas2 Verdienst.
Dass es die Deutschen waren, die den Krieg begannen, an dessen Ende die Vergewaltigungen standen, wird immer mal angedeutet. Wenn Anonyma etwa gefragt wird, ob sie Faschistin sei, und sie schweigt. Moralisch zu urteilen war Anonymas Sache nicht. Sie wollte genau festhalten, was ihr geschehen ist.
Darüber geht auch der Film nicht hinaus. Er zeigt Deutsche als Opfer eines Krieges, in dem sie Täter waren.
Das zu bedenken, bleibt dem Zuschauer überlassen.
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